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Neuigkeiten aus der Huntington-Forschung. In einfacher Sprache. Von Wissenschaftlern geschrieben Für die Huntington-Gemeinschaft weltweit.
Aktualisiert: vor 7 Stunden 25 Minuten

Fortschritte an vielen Fronten im Kampf gegen das Eiweiß, das die Huntington-Krankheit verursacht

5. Dezember 2018 - 19:43
In letzter Zeit hat es eine ganze Reihe spannender Neuigkeiten zum Huntingtin-Verminderungsprogramm von Ionis und Roche/Genentech gegeben - allerdings hat die Huntington-Forschung mehrere Eisen im Feuer: Kürzlich haben weitere Firmen, wie Wave Life Sciences, PTC Therapeutics und Voyager Therapeutics, große Ankündigungen zu ihren jeweiligen Huntingtin-Reduzierungskonzepten gemacht. Es geschieht viel und HDBuzz will sich im Folgenden der übersichtlichen Darstellung der unterschiedlichen Ansätze annehmen.

Huntingtin-Verminderung

Das Ziel aller hier beschriebenen Ansätze ist die Reduzierung der Menge des Eiweißes Huntingtin im Gehirn. Dieses Eiweiß ist das Produkt der Zellen auf Grundlage der Anweisungen des Huntington-Gens. Die Wissenschaft geht davon aus, dass es das mutierte Protein ist und nicht das mutierte Gen, welches letztendlich die Schäden in den Zellen und damit die Huntington-Krankheit verursacht.

Als kurze Erinnerung: Die Zellen folgen beim Bau von Eiweißen den Instruktionen der DNA, allerdings nicht auf direktem Wege sondern über die Erzeugung einer Kopie der DNA-Information. Diese der DNA sehr ähnliche chemische Substanz nennt sich RNA, da sie die Funktion der Informationsüberbringung hat, sprechen Mediziner und Biologen von der Boten-RNA (Englisch "Messenger RNA", kurz "mRNA").

Entsprechend diesem allgemeinen Ablauf, wird auch auf Grundlage des Huntington-Gens ein mRNA-Strang erzeugt, der die Anweisung für den Bau des Huntingtin-Eiweißes enthält.

Wird der Ablauf zu irgendeinem Zeitpunkt unterbrochen, wird kein Huntingtin erzeugt. Das heißt, die Menge von Huntingtin im Körper verringert sich. In Tierstudien hat diese Verringerung bereits vielfach zur Linderung der Krankheitssymptome geführt.

Folglich spricht man bei diesem Therapieansatz von Huntingtin-Verminderung. Neben dem bekanntesten Programm von Ionis und Roche/Genentech, in dem bald eine Phase-III-Studie beginnt, gab es in der letzten Zeit auch aufregende Neuigkeiten von mindestens drei weiteren Firmen zu deren eigenen Techniken der Huntingtin-Verminderung.

Der Ansatz von Wave Life Sciences

Zunächst nicht zu einer sondern zu zwei Studien von Wave Life Sciences. Wir hatten bereits hier darüber berichtet. Genau wie bei Ionis/Roche/Genentech handelt es sich auch bei dem von Wave untersuchten Medikament um Antisense-Oligonukleotide (ASOs) - kleine und stark veränderte Teile von DNA, die in Zellen eindringen können, um dort spezifische Boten-RNAs zu identifizieren und zu zerstören.

Folgende Herangehensweise unterscheidet sich allerdings bei Wave: Wie bekannt, hat fast jeder Huntington-Patient eine mutierte und eine gesunde Kopie des Huntington-Gens. Roche's Medikament zielt auf die mRNA beider Kopien ab, das heißt schlussendlich werden sowohl die Menge an gesundem als auch an mutiertem Protein reduziert.

Wave hingegen zielt ab auf winzige Unterschiede zwischen dem gesunden und dem mutierten Gen, außerhalb der krankheitsverursachenden CAG-Abfolge. Es sind kleine "Buchstabierunterschiede" (SNPs), die Teil der normalen genetischen Variationen beim Menschen sind. Sie stehen nicht in direktem Zusammenhang mit der Huntington-Krankheit. Trotzdem stellen sie einen brauchbaren Angriffspunkt für die ASOs dar, die mittels der SNPs zwischen der gesunden und der mutierten Huntingtin-mRNA unterscheiden können.

In einer perfekten Welt liegt in der Zerstörung von ausschließlich mutierter mRNA ein klarer Vorteil. Das gesunde Huntington-Eiweiß hat nämlich eine Vielzahl wichtiger Funktionen in Zellen, von denen noch nicht alle verstanden sind. Wenn die selektive Entfernung der mutierten Form bei gleichzeitiger Erhaltung der gesunden Form leicht möglich wäre, wäre das also definitiv die Technik der Wahl.

Allerdings gibt es eine Kehrseite: derzeit ist es Wave nicht möglich, mit ihren ASOs eine Behandlungsmöglichkeit für 100 % der Huntington-Patienten zur Verfügung zu stellen. Das liegt daran, dass aktuell nur zwei spezifische SNPs erkannt werden können und diese liegen nicht bei jedem Menschen vor.

Jedes der beiden ASOs von Wave zielt auf einen anderen SNP ab. Durch die Testung zweier unterschiedlicher ASOs wird also der Anteil der Huntington-Patienten, die mithilfe des Ansatzes behandelbar sind, erhöht. Wave hat in klinischen Studien gezeigt, dass etwa zwei Drittel der Huntington-Patienten auf eines der beiden ASOs ansprechen sollten.

Die Erprobung der Unbedenklichkeit dieser ersten beiden ASOs findet gerade mit Patienten in Kanada, Europa und den USA statt. Der nächste Schritt wäre dann eine klinische Studie zur Demonstration der Wirksamkeit und Verbesserung der Krankheitssymptome.

Weiterhin haben wir von Wave gehört, dass im Labor bereits an einem dritten ASO gearbeitet wird, das auf eine andere Genvariation ausgelegt ist. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass früher oder später auch das übrige Drittel der Huntington-Betroffenen genselektiv behandelt werden kann. Im Jahr 2019 erwarten wir weitere Neuigkeiten von den Unbedenklichkeitsstudien der ersten beiden sowie vom Entwicklungsprozess des dritten ASOs von Wave.

Was ist P-T-C?

Es gibt nicht nur ASOs in der Huntington-Forschung. Beim Treffen des Europäischen Huntington-Netzwerks EHDN in Wien vergangenen September informierte Anu Bhattacharyya von PTC Therapeutics die Zuhörerschaft über die spannenden Fortschritte ihrer Firma bei der Entwicklung einer Huntingtin-vermindernden Therapie gegen die Huntington-Krankheit.

Es handelt sich bei dem Ansatz von PTC um einen völlig anderen als im Falle von Wave oder Roche. Bei letzteren ist eine Injektion in den Wirbelkanal oder das Gehirn notwendig - das ist zwar technisch möglich und gut erprobt, jedoch wäre eine weniger invasive Methode wünschenswert. PTC entwickelt etwas, das Wissenschaftler als kleines Molekül bezeichnen, dabei handelt es sich um einen Wirkstoff, der hoffentlich einmal in Form einer Tablette verabreicht werden kann. Er soll die Menge an Huntingtin-mRNA verringern. Noch vor ein paar Jahren hätte man das für Science Fiction gehalten, allerdings haben in der Zwischenzeit einige Unternehmen Berichte über erfolgreiche Experimente mit solchen Medikamenten veröffentlicht, bei denen der Ansatz zu funktionieren scheint.

PTC ist eine der ersten Firmen, die kleine Moleküle verwenden wollen, um spezifische Boten-RNAs auszuschalten und sie haben dabei den Fokus auf die Huntington-Krankheit gerichtet. Es gelang ihnen ein Medikament zu entwickeln, dass den Gehalt von Huntingtin in Zellen im Labor verringert. Beim EHDN-Treffen berichtete Bhattacharyya erstmals von ebenso erfolgreichen Ergebnissen in den Gehirnen lebender Mäuse - das heißt hier wurde gezeigt, dass sich der Wirkstoff tatsächlich vom Magen aus in das Gehirn ausgebreitet hat, was eine große Errungenschaft darstellt.

Die effektive Verminderung ist dabei etwas schwächer als bei den Medikamenten, die über Lumbalpunktion verabreicht werden. Denkbar wäre hier beispielsweise eine kombinierte Therapie, bei der die Tablette regelmäßig eingenommen wird und dadurch die Notwendigkeit der Behandlung mit einem stärkeren Medikament durch Lumbalpunktion von monatlich auf vielleicht halbjährlich oder jährlich reduziert werden kann.

Das Programm von PTC befindet sich noch in einer früheren Phase verglichen mit denen von Roche oder Wave. Dennoch handelt es sich um einen vielversprechenden Ansatz, der große Vorteile mit sich bringen könnte, wenn er sich als sicher und als wirksam herausstellt. PTC hat jedenfalls Pläne für die Zukunft: Bhattacharyya erklärte den Zuhörern, dass es das Ziel des Unternehmens ist, im Jahr 2020 mit Verträglichkeitsstudien am Menschen zu beginnen. Als gute Grundlage kann PTC bereits zwei Erfolgsgeschichten aufweisen, denn sie haben für zwei Medikamente gegen muskuläre Distrophie (eine andere genetisch bedingte neurologische Erkrankung) eine Zulassung erhalten.

Voyager

Bei einer weiteren Konferenz diesen Herbst, und zwar dem "Kongress der Europäischen Gesellschaft für Gen- und Zelltherapie", wurden weitere aufregende Huntingtin-Verminderungs-Neuigkeiten durch Voyager Therapeutics verkündet. Voyager ist eine Biotechnologiefirma, die auf Gentherapie zur Heilung von Nervenkrankheiten, wie beispielsweise der Huntington-Krankheit spezialisiert ist.

Die Gentherapie unterscheidet sich von den zuvor beschriebenen Konzepten. Sie basiert auf winzigen, unschädlichen Viren, die neue genetische Informationen in die Zellen liefern - in diesem Fall in die Gehirnzellen. Viren haben ein hervorragende Fähigkeit in Zellen zu schlüpfen, die sich die Wissenschaftler hier zunutze machen.

Voyagers Forscherteam hat Viren designt, die Anweisungen an die Zellen liefern, um spezielle RNA-Stränge zu bauen. Diese Substanzen sind in der Lage die Huntingtin-mRNA zu identifizieren und sie zu zerstören. Wenn man so möchte, programmiert der Virus die Zelle dazu um, eine Fabrik für die Herstellung der täglichen Dosis Medizin zu sein.

Der große Vorteil dieser Technik liegt darin, dass das Medikament nur ein einziges Mal verabreicht werden muss. Zumindest in der Theorie sollten die Zellen nach einmaliger Behandlung unbegrenzt die Huntingtin-Verminderungssubstanz produzieren. Wenn es gut verträglich und wirksam ist, handelt es sich hierbei also um die eleganteste Lösung im Vergleich zu monatlichen Lumbalpunktionen oder täglicher Tabletteneinnahme.

Jedoch gibt es einige mögliche Nachteile. Zunächst kann sich herausstellen, dass das Medikament nicht vertragen werden kann oder sogar giftig ist. Hierzu liegen bisher noch keine Erkenntnisse vor. Und da die Behandlung mit nicht umkehrbar ist, ist besondere Vorsicht geboten. Außerdem könnte es sich - trotz der vielversprechenden Ergebnisse im Mäusegehirn - als kompliziert herausstellen, den Virus an jede der 86 Milliarden Neuronen im menschlichen Gehirn zu liefern.

Unter Berücksichtigung dieser potentiellen Schwierigkeiten wird die Tragweite der Neuigkeiten von Voyager deutlich: Sie berichteten bei der Konferenz von erfolgreichen Experimenten an Affen. Die großen und komplexen Gehirne der Affen wurden mithilfe von chirurgischen Methoden zu großen Teilen mit dem Virus versorgt. Sowohl tiefe Hirnstrukturen als auch die Außenhülle konnten so erreicht werden.

Das ist ein besonders wichtiger Fortschritt, da die tieferen Gehirnstrukturen mit ASOs nur schwer erreicht werden können, wenngleich sie eine Schlüsselrolle bei der Huntington-Krankheit spielen. Voyagers Versuche erbrachten eine gute Unterdrückung des Huntington-Gens bei den Affen - es stellten sich Verringerungen des Huntingtins in tiefen Hirnregionen um etwa zwei Drittel ein, in den äüßeren Bereichen um etwa ein Drittel. Das sind brauchbare Ergebnisse und es besteht die Hoffnung, dass Reduzierungen im ähnlichen Bereich beim Menschen zu spürbaren Verbesserungen führen könnten.

Wie bei Roche wird durch den Ansatz von Voyager sowohl das gesunde als auch das mutierte Huntingtin reduziert. Wie bereits oben beschrieben ergibt sich dadurch ein weiteres Sicherheitsrisiko für die Behandlungsmethode. Es scheint, als ob sich Voyager dementsprechend vorsichtig vortastet.

Was bleibt?

Es gibt viel berechtigte Aufregung in der Huntington-Gemeinschaft in Bezug auf die Ionis/Roche/Genentech-Studie. Jeder, inklusive HDBuzz, ersehnt diese Studie herbei und hegt große Hoffnungen, dass sich aus ihr Verbesserungen für Huntington-Patientinnen und -Patienten ergeben. Wie die hier beschriebenen Programme und ihre Fortschritte zeigen, handelt es sich dabei aber nicht um den einzigen vielversprechenden Ansatz.

Zusammenfassend gibt es aktuell also zwei laufende Studienprogramme mit Huntingtin-vermindernden ASOs am Menschen: Das eine zielt auf beide Kopien des Huntington-Gens ab (Ionis/Roche/Genentech). Es hat bereits Sicherheitsprüfungen überstanden und wird bald auf Wirksamkeit getestet. Das andere ist gezielt auf das mutierte Gen gerichtet (Wave), und momentan laufen die Sicherheitsprüfungen. Im Vergleich dazu etwas zurückliegend gibt es aber weitere Gentherapien im Entwicklungsstadium, die unter Umständen nur eine einmalige Behandlung nötig machen (Voyager und andere), sowie den neuen Ansatz mit den kleinen Molekülen (PTC).

Auf mehrere Ansätze zu bauen, erhöht nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass einer davon am Ende funktioniert, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass mehr als einer funktioniert. Daraus ergeben sich spannende Zukunftsszenarien bei denen evtl. eine Kombination aus verschiedenen Therapien letztendlich den größten Nutzen bei geringstem Risiko erbringen wird. Solche kombinierten Behandlungen sind bereits bei anderen Krankheiten wie HIV, Krebs oder Diabetes erfolgreich. Wenn es also um Medikamentenentwicklung geht, und um die Anzahl von funktionierenden Ansätzen, gilt das Motto "viel hilft viel".

Huntington's Disease Society of America beantwortet häufige Fragen zum Roche/Genentech-RG6042-Programm

8. November 2018 - 19:45
Am 26. September 2018 hielt die Huntington's Disease Society of America (HDSA) mit Genentech/Roche ein Webinar ab, bei dem Fragen zur baldigen Studie zur Huntington-Krankheit beantwortet wurden. Es wurden hunderte Fragen vor, nach und während des Webinars gesichtet. Die Wissenschaftler der HDSA haben daraufhin wie folgt unter Leitung von Genentech/Roche die häufigsten Fragen beantwortet.

Um was geht es bei den beiden klinischen Studien, die bald von Genentech/Roche durchgeführt werden?

Worum geht es prinzipiell bei der GENERATION-HD1-Studie, die das Huntingtin-Verminderungsmedikament RG6042 untersuchen soll?

* GENERATION-HD1 wird eine großangelegte Phase-3-Studie sein, um die Sicherheit und Wirksamkeit des Genentech/Roche Huntingtin-Verminderungsmedikamentes RG6042 (ehemals "IONIS-Htt-Rx") zu testen. Die Teilnehmenden werden monatlich einmal für 25 Monate zu ihre betreuende Klinik aufsuchen, um dort eine Lumbalpunktion und weitere Untersuchungen durchgeführt zu bekommen.

* 660 Menschen im Alter zwischen 25 und 65 Jahren, bei denen die Huntington-Krankheit festgestellt wurde, werden für die Studie ausgesucht werden. 220 davon erhalten jeden Monat einen Placebo über die Lumbalpunktion, 220 weitere werden abwechselnd in einem Monat den Placebo, im darauffolgenden Monat RG6042 verabreicht bekommen.

* Sobald die Studie vollständig durchgeführt wurde, ist geplant - nach Zustimmung der Gesundheitsbehörden - geeigneten Teilnehmern aller Gruppen die Möglichkeit zu geben RG6042 weiterhin monatlich oder alle zwei Monate injiziert zu bekommen (die Studie wird dann als "offene Studie" fortgeführt).


Wie sieht es mit der anderen Studie aus, bei der kein Medikament getestet wird? - Die naturhistorische Studie der Huntington-Krankheit (engl.: "HD Natural History Study")

* Die naturhistorische Studie bezieht nicht die Testung einer medizinischen Substanz mit ein. Vielmehr werden hierbei Patienten mit frühen Ausprägungen der Huntington-Krankheit studiert, indem ihre Symptome untersucht und die Werte des mutierten Huntingtins bei ihnen gemessen werden. Die Dauer wird etwa 16 Monate betragen und es sind eine Voruntersuchung, vier Klinikbesuche inklusive Lumbalpunktion sowie weitere Untersuchungen der Patienten eingeplant (ganz zu Beginn sowie in den Monaten 3, 9 und 15). Weiterhin werden noch zwei Telefonate geführt (in den Monaten 6 und 12).

* Es sollen etwa 100 Teilnehmende zwischen 25 und 65 Jahren gefunden werden.

* Wenn die Studie zu Ende ist, soll wiederum - nach Zustimmung der Gesundheitsbehörden - allen geeigneten Teilnehmern die Möglichkeit gegeben werden das Medikament RG6042 zu erhalten (offene Studie).


Wo und wann werden diese Studien durchgeführt?

Wo werden die Kliniken sein? Wann ist eine Veröffentlichung der Kliniknamen zu erwarten?

* Genentech/Roche hat viele Monate dafür aufgewendet, geeignete Kliniken zu identifizieren. Wahrscheinlich werden Ende 2018 die ersten davon bekannt gegeben.

Wann sollen die Studien anfangen?

* Sobald die ersten Kliniken bestätigt sind, ist zu erwarten, dass diese mit der Auswahl von Teilnehmern beginnen, also wahrscheinlich Ende 2018 im Fall der naturhistorischen Studie und Anfang 2019 im Fall von GENERATION-HD1.

* Die Kliniken werden nicht alle gleichzeitig mit der Rekrutierung beginnen, da sie unterschiedlichen Freigabeprozessen unterliegen. Die HDSA wird die Information auf www.hdtrialfinder.org online stellen, sobald sie vorhanden ist.


Welche Länder nehmen teil?

* Wie bereits beschrieben, gibt es noch keine bestätigten Ausführungsorte. Bekannt ist allerdings, dass die naturhistorische Studie an bis zu 17 Kliniken in den USA, dem Vereinigten Königreich, Deutschland und Kanada stattfinden soll. An der GENERATION-HD1-Studie sollen zwischen 80 und 90 Stätten in etwa 15 Ländern teilnehmen.

Kann sich meine behandelnde Klinik/mein behandelnder Arzt um die Teilnahme bewerben?

* Genentech/Roche hat die HDSA informiert, dass aktuell nicht nach weiteren Bewerberkliniken gesucht wird. Man kann allerdings eine Empfehlung für zukünftige Studien aussprechen, wenn man möchte.

Werden die Teilnehmenden aus nach geografischer Nähe zu den Studienorten ausgewählt?

* Es gibt keine spezifische Einschränkung hinsichtlich der Distanz zur Klinik, aber es ist wahrscheinlich, dass die Belastung durch sehr lange Reisestrecken bei der Auswahl von Teilnehmenden berücksichtigt wird. Das liegt auch daran, dass sich zusätzlicher Stress für die Patienten auf die Ergebnisse der Studie auswirken könnte. Im Sinne der Vergleichbarkeit, ist es sicherlich hilfreich, wenn auch die Anreisebedingungen der Patienten vergleichbar sind. Zudem soll es möglichst vermieden werden, dass jemand aufgrund einer solchen Zusatzbelastung die Studienteilnahme abbricht, was die Durchführung der Gesamtstudie verlangsamen könnte. Klinische Studien werden immer im Rahmen geltender nationaler und lokaler Regeln und Gesetze durchgeführt, die HDSA möchte nicht ausschließen, dass sich daraus noch weitere Einschränkungen ergeben könnten. International gibt es auch immense Unterschiede zwischen den Krankenkassen, sodass eine Kostenübernahme der Anreise oder gar eines Umzugs durch die Krankenkasse vorher geprüft werden sollte. Die letzte Entscheidung fällt dann der zuständige Forschungsleiter vor Ort, der alle Faktoren berücksichtigt und sich eventuell für weitere Rückfragen mit den Freiwilligen und deren behandelnden Ärzten in Verbindung setzt.

Welchen Einsatz muss man als Teilnehmer/-in erbringen und welche Prozesse durchlaufen?

Wie lange dauert ein Klinikbesuch und was ist mit inbegriffen? Könnte man einen Besuch absagen oder die Studie abbrechen?

* Teilnehmer/-innen an der Phase-3-GENERATION-HD1-Studie müssen zustimmen, monatlich einen ganzen Tag Klinikaufenthalt einzuplanen und das für 25 Monate am Stück.

* Für die naturhistorische Studie werden vier Klinikbesuche mit Lumbalpunktionen und anderen Untersuchungen nötig sein (ganz zu Beginn sowie in den Monaten 3, 9 und 15). Weiterhin werden noch zwei Telefonate geführt (in den Monaten 6 und 12).

* Teilnehmende müssen in der Lage sein, Lumbalpunktionen und Blutabnahmen zu vertragen, sie sollten MRT-Untersuchungen aushalten können (also keine Platzangst und kein Metall im Körper haben) und auch fähig sein schriftliche und mündliche Fragen zu beantworten.

* Um sicherzustellen, dass die Studie effizient durchgeführt wird und gleichzeitig richtige Ergebnisse liefert, ist es wichtig, dass sich jede/-r Freiwillige die Entscheidung gut überlegt und jeden Termin ernst nimmt.

* Nichtsdestotrotz existiert für alle Teilnehmenden jederzeit das Recht, ihre Teilnahme zurückzuziehen und die Studie zu verlassen.


Welche Anwendungen sind während der Klinikbesuche zu erwarten?

* Lumbalpunktionen: Injektionen bzw. Entnahmen über die Gehirn-Rückenmarkflüssigkeit im unteren Bereich der Wirbelsäule. Hierzu wird eine spezielle Nadel verwendet.

* Blutprobenentnahmen, um Gesundheitsfaktoren und Biomarker der Huntington-Krankheit zu ermitteln.

* Körperliche Untersuchungen: z. B. an Herz, Ohren, Nase, Hals, Haut und Muskeln

* Untersuchungen der Vitalfunktionen: z. B. Puls, Körpertemperatur, Blutdruck und Atmung

* Fragebögen zum Alltagsleben, körperlichen und geistigen Fähigkeiten, hier könnte teilweise ein/e Studienassistent/-in beim Ausfüllen helfen

* Elektrokardiogramme (EKG): Nicht-invasive Messung der elektrischen Aktivität des Herzens

* Neurologische Untersuchungen: Mentaler Zustand, Sinne, Bewegung, Reflexe

* MRT Messungen des Gehirns

* Bewegungsaufzeichnungen mithilfe von wearable Technologien, z. B. Smartwatches


Welche potentiellen Risiken birgt die Studie und wie wird der Umgang mit Schmerzen oder Unbehagen sein?

* Da es sich bei RG6042 um ein noch in der Forschung befindliches Medikament handelt, sind gewisse Risiken noch nich vollständig auszuschließen.

* Für die Teilnahme an der Studie ist es nötig, einiges an Zeit aufzuwenden: es muss für jeden Klinikbesuch ein ganzer Tag eingeplant werden.

* Bei den Lumbalpunktionen eine Nadel in den Wirbelkanal eingeführt, was trotz örtlicher Betäubung schmerzhaft sein kann. Als Folge können leichte bis schwere Kopfschmerzen entstehen, die mehrere Tage andauern können. Die Langzeitverträglichkeit solcher Injektionen muss zudem noch weiter untersucht werden.

* Einige Tests und Untersuchungen können unangenehm, ermüdend, zeitaufwendig oder gar belastend sein. Es steckt viel Arbeit und Geduld dahinter, sich monatlich löchern, spritzen und untersuchen zu lassen. MRT-Untersuchungen sind unangenehm laut, Denktests können anstrengend und verwirrend sein.

* Alle Teilnehmenden werden hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen inklusive Schmerzen oder Unwohlsein genau beobachtet werden. In der vorangegangenen Verträglichkeitsstudie zu RG6042 waren die häufigsten Nebenwirkungen Schmerzen bei der Lumbalpunktion. In etwa 10 % der Fälle traten im Anschluss daran Kopfschmerzen auf. Es wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen festgestellt. Die Daten zu Sicherheit und Verträglichkeit aus der Studie lieferten die benötigten Nachweise für die Genehmigung der Fortführung der Forschung an RG6042.


Fragen zur Eignung für die Studienteilnahme

Sind für die Teilnahme an beiden Studien die gleichen Voraussetzungen zu erfüllen? Müssen die Teilnehmenden Symptome der Huntington-Krankheit zeigen?

* Nein, die Auswahlkriterien beider Studien sind nicht identisch. Die naturhistorische Studie wird Menschen mit einem frühen Stadium von Symptomen rekrutieren. Genauer gesagt, werden Teilnehmende im Stadium I und II mit Werten 7 bis 13 auf der funktionellen Kapazitätsskala ausgesucht werden. Die Phase-3-GENERATION-HD1-Studie wird hingegen Teilnehmende mit klinisch diagnostizierter Huntington-Krankheit betrachten. Die Definition dafür sind ein CAP-Wert größer 400, ein Wert auf der Unabhängigkeitsskala ≥ 70 und die Fähigkeiten selbständig zu gehen und zu sprechen. Diese Kriterien werden auch auf clinicaltrials.gov und www.hdtrialfinder.org veröffentlicht.

Bei der Phase-3-GENERATION-HD1-Studie: Was ist die Unabhängigkeitsskala? Was bedeutet ein Wert von 70?

* Die Unabhängigkeitsskala ist ein Maß für die Selbstständigkeit von Patienten. Sie reicht von 0 bis 100, wobei 0 für vollständige Pflegebedürfdigkeit steht und 100 für Pflegeunabhängigkeit. Ein Wert von 70 bedeutet konkret, dass die Fähigkeit, sich selbständig zu waschen und einfache Haushaltstätigkeiten auszuführen, vorhanden ist. Allerdings sind die Menschen nicht mehr in der Lage Auto zu fahren und ihre Finanzen zu regeln.

Welches Alter wird für die Teilnahme an der naturhistorischen und an der GENERATION-HD1-Studie bevorzugt?

* Für beide Studien ist ein Altersbereich von 25 bis 65 vorgegeben.

Was ist ein CAP-Wert? Wie hoch muss er für die GENERATION-HD1-Studie sein?

* Der CAP-Wert berechnet sich wie folgt: CAP-Wert = (Anzahl der CAG-Wiederholungen - 33,66) x Alter

* Die Teilnehmenden müssen einen CAP-Wert größer 400 aufweisen.

* Beispiel. Eine Person mit 44 CAG-Wiederholungen sei 39 Jahre alt, dann beträgt der CAP-Wert (44 – 33,66) x 39 = 403,26. Diese Person wäre also für die Studie geeignet.

* Beispiel. Eine Person mit 40 CAG-Wiederholungen sei 60 Jahre alt, dann beträgt der CAP-Wert (40 – 33,66) x 60 = 380,4. Diese Person wäre also NICHT für die Studie geeignet.


Können vorhandene Erkrankungen die Teilnahme an der Studie aussließen?

* Allgemein müssen die Teilnehmenden für mindestens 12 Wochen vor der Erstuntersuchung medizinisch, psychiatrisch und neurologisch stabil gewesen sein. Es bedeutet, dass vorhandene Symptome stabil und unter Kontrolle sein müssen, sodass Notfallsituationen oder die Notwendigkeit von Medikationsanpassungen in der folgenden Zeit unwahrscheinlich sind und damit die Fähigkeit der Teilnahme nicht beeinträchtigen. Menschen mit schwerwiegenden Erkrankungen, die zu Komplikationen führen könnten und die Durchführung der Studie gefährden, werden nicht als Teilnehmende in Betracht gezogen. Patienten mit medizinischen Diagnosen, die eine Auswirkung auf die Studienergebnisse haben könnten (z. B. chronische Migräne) werden ebenso nicht berücksichtigt. Weitere Informationen zu den Kriterien gibt es auf www.hdtrialfinder.org.

Kann ein Patient seine regelmäßig einzunehmenden Medikamente während der GENERATION-HD1-Studie weiternehmen? (Beispielsweise Antidepressiva oder Tetrabenazin)

* Im Allgemeinen wird es den Teilnehmenden erlaubt sein, ihre Medikamente weiterzunehmen, wenn sich die regelmäßige Dosis in den letzten 12 Wochen vor Beginn der Studie nicht verändert hat. Einige Ausnahmen bilden Memantin, Amantadin und Riluzol, die das Denkvermögen beeinträchtigen können, sowie starke blutverdünnende Medikamente.

* Diese Regeln bezüglich der Medikation gibt es, um sicherzugehen, dass die Auswirkungen von RG6042 ohne Beeinflussung durch andere Substanzen beobachtet werden können. Weitere Informationen gibt es wieder auf www.clinicaltrials.gov oder von den Ärzten/-innen und Studienassistenten/-innen. Es empfiehlt sich mit den behandelnden Ärzten, die die Patienten möglichst schon seit langem kennen, darüber zu sprechen, was das beste für ihn oder sie ist.


Ist die Teilnahme in einer Beobachtungsstudie wie EnrollHD verpflichtend?

* Es ist zwar gut, an Studien wie beispielsweise EnrollHD, HDClarity oder PredictHD teilzunehmen, aber es ist keine Voraussetzung.

Was, wenn man bereits an einer anderen Medikamentenstudie teilgenommen hat?

* Die frühere Teilnahme an einer klinischen Studie ist kein Ausschlusskriterium, es gibt allerdings einige Ausnahmen. Zum Beispiel wird die vorhergehende oder zeitgleiche Behandlung mit einem anderen Antisensoligonukleotid nicht erlaubt sein. Außerdem werden Menschen, die vorher an Studien für langanhaltende Behandlungen teilgenommen haben, nur dann teilnehmen können, wenn die Behandlung schon lange genug zurück liegt und man sicher sein kann, dass die getestete Substanz nicht mehr im Körper vorhanden ist. Die gleichzeitige Teilnahme an jeglicher klinischer Studie zu Behandlungs- oder Heilungszwecken ist nicht gestattet. Im Gegensatz dazu stellen simultane Beobachtungsstudien kein Problem dar.

Benötige ich jemanden, der mich zu allen Klinikbesuchen begleitet?

* Es wäre von Vorteil, ist aber keine Voraussetzung, eine Begleitperson dabei zu haben. Diese Person kann je nach Wunsch auch aktiv an der Studie teilnehmen und nach der Unterzeichnung einer entsprechenden Vereinbarung beim Ausfüllen von Fragebögen, etc. behilflich sein.

Wie kann man teilnehmen, wie werden Teilnehmer ausgewählt?

* Die Forscher können über behandelnde Ärzte Patienten auf die Studie aufmerksam machen, insbesondere an den Kliniken, wo die Forschung am Ende auch durchgeführt wird oder die Patienten sprechen ihre Ärzte von sich aus auf die Studie an.

* Es gibt keine Auslosung und man kann sich auch nicht irgendwo direkt einschreiben. Wahrscheinlich gibt es mehr Interessenten/-innen als freie Plätze, sodass eine Teilnahme nicht garantiert werden kann. Allerdings ist es dadurch auch eher möglich, dass die Studie schnell vorankommt.


Warum gibt es die altersmäßige Einschränkung auf 25 bis 65 Jahre bei GENERATION-HD1 und warum muss der CAP-Wert größer als 400 sein?

* Roche/Genentech wissen sehr gut, dass es bei der Huntington-Krankheit ein Spektrum von den prä-symptomatischen Genträgern über die juvenile Form über Symptome im späten Stadium bis hin zum Ausbruch der Krankheit nach mehr als 65 Lebensjahren gibt. Sie konzentrieren sich hierbei auf die frühen und mittleren Stadien bei Menschen, bei denen bereits messbare Symptome vorhanden sind, bei denen es aber noch früh genug ist, dass die Wahrscheinlichkeit der wahrnehmbaren Wirkung des Medikamentes hoch ist. Auch in der vorangegangenen Phase I/IIa Studie wurde diese Zielgruppe untersucht, darauf soll nun aufgebaut werden.

Ich bin über 65 Jahre, gesund und habe einen CAP-Wert, der den Studienkriterien entspricht. Kann ich für die Studie in Erwägung gezogen werden?

* Leider nein. Die obere Grenze von 65 Jahren ist starr, siehe dazu die vorangegangene Erklärung.

Ich bin jünger als 25 Jahre und habe einen CAP-Wert innerhalb der Studienkriterien. Kann ich für die Studie in Erwägung gezogen werden?

* Leider nein. Die untere Grenze von 25 Jahren ist starr, siehe dazu die vorangegangene Erklärung.

Mein CAP-Wert ist nicht größer 400, aber mein Alter liegt zwischen 25 und 65 Jahren. Kann ich für die Studie in Erwägung gezogen werden?

* Leider nein. Ein CAP-Wert größer 400 ist eine notwendige Bedingung, siehe dazu die vorangegangene Erklärung.

Wie ist die Wirksamkeit des Medikamentes definiert, woher weiß man, ob RG6042 wirksam ist?

* Primäres Ziel der GENERATION-HD1-Studie ist eine signifikante Veränderung von Symptomen auf der "Total Function Capacity"-Skala wenn man Patienten, die das Medikament RG6042 erhalten haben mit denen vergleicht, die den Placebo bekommen haben. Dieses US-amerikanische Maß wird in Europa durch ein ähnliches Maß ersetzt. Es werden aber noch weitere Messungen gemacht, beispielsweise durch bildgebende Verfahren, die Aufnahmen vom Gehirn machen, neurologische und Bewegungstests und Messungen des Huntingtin-Gehalts im Körper. Weiterhin soll gezeigt werden, ob das Medikament für eine Langzeitverabreichung sicher und geeignet ist oder nicht.

Auch Kinder erkranken an der Huntington-Krankheit

12. Oktober 2018 - 0:45
Die juvenile Form der Huntington-Krankheit ist wirklich selten, aber eine neue Studie trägt zum Verständnis ihrer Symptome und des Krankheitsverlaufes bei. Diese wichtigen Erkenntnisse sollen dabei helfen, herauszufinden, ob Huntingtin-Verminderung oder andere Behandlungsansätze auch bei Kindern funktionieren könnten.

Was ist die juvenile Form der Huntington-Krankheit?

Wenn sich vor dem Lebensalter von 20 Jahren bereits Symptome der Huntington-Krankheit zeigen, spricht man von der "juvenilen Form".

Kurz nachdem das Huntington-Gen identifiziert wurde, stellten Wissenschaftler auch einen starken zusammenhang zwischen dem Alter beim Ausbruch der Krankheit und der Länge der annormalen DNA-Sequenz fest.

Die DNA besteht aus Milliarden von A-, T-, C- und G-"Buchstaben". Im Gen, das die Huntington-Krankheit verursacht, wird über eine bestimmte Strecke die Abfolge "CAG" wieder und wieder aneinandergereiht. Während es viele Ausnahmen gibt, gilt der allgemeine Zusammenhang, je mehr CAG-Wiederholungen vorhanden sind, desto früher zeigen sich die Symptome.

Etwa einer von 20 Huntington-Patienten hat eine Anzahl von Wiederholungen von 60 oder mehr. Solch hohe Anzahlen verursachen meistens einen Ausbruch der Krankheit vor dem zwanzigsten Lebensjahr. Die juvenile Form der Huntington-Krankheit ist also eine seltene Form einer seltenen Erkrankung, wodurch es für Neurologen unwahrscheinlich wird, mehr als einen Betroffenen in ihrer gesamten Laufbahn zu sehen.

Da sie so selten ist, wissen wir viel weniger über sie als über die im erwachsenen Alter einsetzende Huntington-Krankheit. Das bisherige Wissen stammt von wenigen Neurologen, die einige Fälle untersucht haben. Von diesen Ärzten stammt die klassische Beschreibung der Symptome wie Steifheit, Langsamkeit, Lernschwierigkeiten und relativ häufig Epilepsie. Sie unterscheiden sich also von den meist sichtbaren, ungewollten Bewegungen (Chorea) bei der später einsetzenden Form.

Was gibt es Neues?

Dr. Fernando Squitieri aus Foggia, Italien, glaubt zurecht, dass Familien, die von der juvenilen Form der Huntington-Krankheit betroffen sind, "genauso das Recht haben, angehört zu werden wie betroffene Erwachsene". Sein Team hat gerade die größte und detaillierteste Studie zu dieser Form der Krankheit koordiniert, die es bisher gibt. In den Beobachtungsstudien namens REGISTRY und ENROLL-HD, bei denen bereits tausende Betroffene teilgenommen haben, fanden sie 36 Fälle, bei denen die Symptome vor dem 20. Lebensjahr anfingen und von denen über mehrere Jahre hinweg klinische Daten erfasst wurden. Diese verglichen sie mit 511 Erwachsenen aus der gleichen Studie, um herauszufinden, inwiefern die juvenile Form sich von deren Krankheitsbild unterscheidet.

Eine Frage, auf die sie sich konzentrierten, war, ob die juvenile Huntington-Krankheit in allen Fällen ähnlich verläuft oder evtl. aufgrund der Anzahl der CAG-Wiederholungen abweicht. Sie entschieden sich dazu, die Betroffenen mit der juvenilen Form in zwei Gruppen einzuteilen: diejenigen mit bis zu 80 CAG-Wiederholungen und diejenigen mit mehr als 80.

Bei den Erwachsenen begannen die Symptome ab einem durchschnittlichen Alter von 44 Jahren, wobei das Durschnittsalter bei Kindern mit bis zu 80 CAG-Wiederholungen laut der Studie bei 17 lag und solche mit mehr als 80 Wiederholungen bereits ab 4 Jahren Symptome zeigten.

Handelt es sich um zwei Arten der juvenilen Form?

Bei noch näherer Betrachtung der beiden Gruppen innerhalb der Betroffenen mit der juvenilen Form der Huntington-Krankheit, zeigten die Kinder und Jugendlichen mit bis zu 80 CAG-Wiederholungen als erstes Symptom Ungeschicklickkeit, danach kamen ungewollte Bewegungen und Zwangsstörungen.

Bei Kindern mit über 80 Wiederholungen war hingegen die ersten Symptome meist Schwierigkeiten beim Gehen gefolgt von Verzögerungen bei der Lernfähigkeit und Epilepsie.

Fast alle Kinder entwickelten Steifheiten und verlangsamte Bewegungen, etwa ein Zehntel von ihnen hatte Gleichgewichtsstörungen.

Die Erkrankung der Kinder zeigte ein etwa doppelt so schnelles Fortschreiten wie die der Erwachsenen. Sie verstarben nach etwa der Hälfte der Dauer, die bei Erwachsenen beobachtet wird. Bei Kindern mit mehr als 80 Wiederholungen betrug die Dauer vom Ausbruch bis zum Versterben nur etwa ein Fünftel. Von diesen Kindern wurden auch MRTs aufgenommen, die ein Schrumpfen im zentralen Gehirnbereich offenbarten, genau wie es beim Ausbruch der Krankheit im Erwachsenen Alter der Fall ist. Allerdings wurden keine Veränderungen in anderen Hirnregionen, beispielsweise in der Hirnrinde beobachtet, die bei Erwachsenen durchaus angegriffen wird.

Von den Betroffenen mit bis zu 80 Wiederholungen wurden keine MRTs betrachtet, daher verrät die Studie nichts über sie.

Basierend auf ihren Auswertungen nimmt Dr. Squitieri's Team an, dass es in Wirklichkeit drei verschiedene Arten der Huntington-Krankheit gibt. Erstens, die häufigere Form, die erst im erwachsenen Alter sichtbar wird. Zweitens, bei Betroffenen mit etwa 60 bis 80 Wiederholungen, die juvenile Form, die sich im Teenageralter mit Tollpatschigkeit, Bewegungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Und zuletzt die Form, die der Gruppe mit mehr als 80 Wiederholungen beobachtet wurde, die mit etwa 4 Jahren Schwierigkeiten beim Gehen und Lernen und Epilepsie hervorruft. Squitieri und seine Gruppe bezeichnen diese Form als aggressiv.

Ein Spektrum?

Auch wenn es möglich ist, dass es zwei Arten der juvenilen Form der Huntington-Krankheit gibt, die sich von einander stark unterscheiden, ist es eigentlich ziemlich unwahrscheinlich, dass ab 80 CAG-Wiederholungen plötzlich eine solch gravierende Veränderung auftritt. Man bedenke, dass die Unterteilung der Gruppen genau bei dieser Anzahl von Wiederholungen vor der Auswertung von den Wissenschaftlern vorgenommen wurde. Verglichen mit allem was wir wissen, ist es nicht überraschend, dass wenigen Betroffenen mit der äußerst hohen Anzahl sich von der anderen Gruppe unterscheiden.

Was wir also basierend auf unseren bisherigen Kenntnissen wahrscheinlicher finden, ist eine Art Spektrum, das mit der aggressiven Form mit ihrem sehr frühen Ausbruch beginnt und sich hin zu einem Ausbruch im jugendlichen Alter und den hier auftretenden Symptomen erstreckt.

Das gleiche kann dann für alle Ausprägungen der Huntington-Krankheit, also auch bei Ausbruch im erwachsenen Alter gesagt werden: man könnte die juvenile Form und die erwachsene Form wohl auch zu einem einzigen Spektrum verbinden.

Jedoch hat es sich unabhängig davon, ob man scharfe Grenzen zieht oder sich ein Spektrum vorstellt, bestätigt, dass eine höhere Anzahl von CAG-Wiederholungen mit einem früheren Ausbruch und mit einem aggressiveren Verlauf einher geht.

Wie hilft uns das weiter?

Es handelt sich hier um einige der wertvollsten Erkenntnisse über die juvenile Formm der Huntington-Krankheit. Diese werden von unmittelbarem Nutzen für praktizierende Ärzte sein, die diese jungen Patienten behandeln und auch für die Eltern, für die es oft so schwer ist, einen Experten zu finden, der die individuellen Herausforderungen ihres Kindes verstehen kann.

Schaut man in die nicht allzu ferne Zukunft, sollten diese Erkenntnisse ganz erheblich dabei helfen, neue Medikamente für die Betroffenen so schnell wie möglich zur Verfügung zu stellen. Dabei sind auch die aktuell in der Forschung befindlichen Wirkstoffe, die die Produktion des Huntingtins vermindern, mit eingeschlossen. Bei der Durchführung von Medikamentenstudien Entscheidungen zum Zeitpunkt oder der Dosis des Mittels zu finden, wird genau durch solche Studien ermöglicht. Für die verschiedenen Huntingtin-Verminderungsprogramme, die gerade starten, kommt diese Forschung genau zur richtigen Zeit.

Gerade den Familien, die von der juvenilen Form der Krankheit betroffen sind, so schnell wie möglich zu helfen, steht ganz oben auf der Prioritätenliste der Medikamentenforscher, mit denen wir bisher sprachen. Dabei ergeben sich große Herausforderungen, wie das Risiko, dass ein Medikament das Leben eines jungen Patienten sogar noch schwieriger machen könnten, falls es ungewollte Schäden im Gehirn anrichtet.

Es ist also eine große Hilfe zu verstehen, wie sich die juvenile Form äußert und wie sie sich auf das Gehirn auswirkt. Eine Hilfe bei der dringenden Mission jungen Menschen und ihren Familien eine wirksame Behandlung an die Hand zu geben.

Roche gibt Details ihrer "ausschlaggebenden" Huntingtin-Verminderungsstudie bekannt

23. September 2018 - 0:45
Es ist die Zeit der großen Fortschritte im Bereich der Huntingtin-Verminderungs-Medikamente, die die Menge des Huntingtins, des Verursachers der Huntington-Krankheit, herabsetzen sollen. Beim Treffen des Europäischen Huntington-Disease Netzwerks (EHDN), teilte die Firma Roche einige Eckdaten der ersten Entscheidungsstudie zum Huntingtin-Verminderungs-Medikament - RG6042, bisher als Ionis-HTTRx bekannt. Welche Neuigkeiten gibt es?

Was bedeutet Huntingtin-Verminderung?

Zunächst eine kurze Zusammenfassung zum Thema Reduzierung von Huntingtin als Behandlung der Huntington-Krankheit. Wir wissen, dass die Schäden im Gehirn im Verlauf der Krankheit durch ein Protein namens mutiertes Huntingtin verursacht werden. Das Huntington-Gen - manchmal auch Huntingtin-Gen genannt - liefert die Anleitung zum Bau des gleichnamigen Eiweißes.

Wenn eine Zelle größere Mengen eines speziellen Proteins, beispielsweise Huntingtin, benötigt, wird eine Blaupause des Gens angefertigt - ein Botenmolekül mit der chemischen Bezeichnung RNA. Diese RNA überbringt demnach Informationen und wird auch Boten-RNA (Englisch "messenger RNA", kurz mRNA) genannt. Jede Unterbrechung dieser Kette vom Gen über den Boten bis hin zum Eiweiß sorgt dafür, dass die Zelle das jeweilige Eiweiß nicht herstellt.

Hier setzen Huntingtin-Verminderungs-Behandlungsmethoden an. Ein Medikament soll die Boten-RNA treffen und die Zellen sollen dazu gebracht werden, diese zu ignorieren oder zu zerstören. Weniger Boten bedeuten weniger Eiweiß.

Die meisten Huntington-Forscher halten diesen Ansatz für vielversprechend, denn eine bestechende Logik und eine große Anzahl wissenschaftlicher Tierversuche legen nahe, dass die Reduzierung oder gar Vernichtung des mutierten Huntingtins zu einer Linderung der Huntington-Symptome führt.

ASOs und die Huntington-Krankheit

Schon früh führend auf dem Feld der Huntingtin-Verminderung war das Pharmaunternehmen Ionis Pharmaceuticals aus Carlsbad, Kalifornien. Über Jahrzehnte haben sie an Molekülen namens Antisense Oligonukleotide (ASOs) gearbeitet. Dabei handelt es sich um stark veränderte DNA-ähnliche Moleküle, die programmiert werden können, eine spezifische Boten-RNA im Innern der Zelle zu identifizieren und sich an sie zu heften.

Die Verbindung aus Boten-RNA und ASO, die dann entsteht, wird von der Zelle zerstört. Dadurch reduziert sich die Menge dieser bestimmten Boten-RNA drastisch. Weniger Blaupausen bedeutet weniger erzeugte Eiweiße, obwohl der ursprüngliche Code in der DNA erhalten bleibt.

Auf der Grundlage erfolgreicher Tierversuche, führte Ionis eine erste Verträglichkeitsstudie an 46 mutigen, freiwilligen Huntington-Patienten durch. Die Studie begann im Jahr 2015. Es sollte getestet werden, ob das Medikament HTTRx unbedenklich ist und ob eine Behandlung damit die Menge an Huntingtin im Nervensystem reduziert. Es ist nicht möglich hierfür Gewebeproben aus dem Gehirn zu entnehmen, aber man kann die Konzentration des Huntingtins in der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit messen.

Wie bereits auf HDBuzz berichtet meldeten Ionis und die Partnerfirma Roche im Dezember 2017, dass die Studie erfolgreich war. Keiner der 46 Teilnehmer brach die Studie frühzeitig ab, trotz der monatlichen Lumbalpunktionen. Noch dazu führte die Behandlung mit HTTRx zu einer bedeutenden Reduzierung des Huntingtin-Niveaus in der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit.

Bei Roche handelt es sich um einen mächtigen Pharmakonzern aus der Schweiz und seine US-amerikanische Tochterfirma nennt sich Genentech. Bereits bei der Bekanntmachung des positiven Ausgangs der ersten Studie, bestätigte Roche, dass sie eine weitere Studie mit HTTRx planen und leiten werden. Die Führungsrolle war also von Ionis auf Roche übergegangen und das Medikament wurde in RG6042 umbenannt. Gewöhnen Sie sich also schon einmal an Berichte über RG6042 - behalten Sie dabei im Hinterkopf, dass es sich um dieselbe HTTRx-Substanz handelt, mit deren Erprobung wir bereits von Anfang an mitfiebern.

Eine Studie um die Wirksamkeit zu prüfen

Selbstverständlich sind sowohl die Forscher als auch die Huntington-Gemeinschaft daran interessiert, das Fortschreiten der Huntington-Krankheit zu verlangsamen und nicht irgendwelche Messgrößen in der Gehirn-Rückenmarkflüssigkeit zu ermitteln. Jedoch dauerte die erfolgreiche Verträglichkeitsstudie von Ionis nur drei Monate an und bezog nur 46 Patienten mit ein - das ist zu kurz und zu wenig, um eine Aussage zur Auswirkung auf die Huntington-Symptome treffen zu können.

Jetzt, da festgestellt wurde, dass das Medikament von Ionis und Roche sowohl die Konzentration des Eiweißes verringert als auch gut verträglich ist, wird eine größer angelegte Studie an vielen Teilnehmern benötigt, um festzustellen, ob RG6042 das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen kann. Eine solche Studie wird als Phase 3 Studie bezeichnet.

Seit letztem Dezember warten wir ungeduldig auf die Ankündigung dieser großen Studie. Am 16. September erreichte sie uns endlich!

GENERATION-HD1

Beim EHDN-Treffen 2018 gab Scott Schobel von Roche den ersten offiziellen Überblick über die geplante Studie. Ihr Name lautet GENERATION-HD1.

(Der Name "GENERATION-HD1" leitet sich aus der Englischen Beschreibung Global EvaluatioN of Efficacy and safety of Roche/genentech AnTIsense OligoNucleotide for Huntington’s Disease. Aber wahrscheinlich ist es besser, sich einfach die Abkürzung zu merken...)

Es kommt auf die Größe an

GENERATION-HD1 wird Ende 2018 beginnen, die ersten Teilnehmer sollen Anfang 2019 rekrutiert werden. Es werden 80 bis 90 Standorte in etwa 15 Ländern weltweit an der Durchführung beteiligt sein.

Bisher wurden noch keine Namen von Standorten genannt, es gibt eine veröffentlichte Information über die Teilnahme diverser Kliniken oder gar Länder. Wir gehen davon aus, dass genauere Informationen bald folgen.

Es wird eine großangelegte Studie sein. 660 Patienten mit diagnostizierter Huntington-Krankheit sollen teilnehmen. Das bedeutet, es wird sich um Patienten handeln, bei denen formell klinische Anzeichen und Symptome der Huntington-Krankheit diagnostiziert wurden, nicht um Personen, die zwar das mutierte Gen tragen, aber (noch) keine Symptome zeigen.

Eignung

Es gibt maßgeblich zwei klinische Entscheidungsmerkmale bzw. Auswahlkriterien. Erstens müssen Patienten dazu in der Lage sein, ambulant behandelt werden zu können und zweitens, sich verbal zu äußern. Zweitens müssen sie bei einem Test zur Überprüfung ihrer kognitiven und körperlichen Fähigkeiten ein Ergebnis von 70% oder höher erreichen. Das bedeutet, dass ein gewisses Niveau an Selbstständigkeit im Alltag für die Individuen noch möglich sein muss, sodass sie sich selbst waschen können oder beispielsweise einfache Haushaltstätigkeiten selbst ausführen können.

Hierbei handelt es sich um viel weiter gefasste Einschlusskriterien als bei der Vorgängerstudie, denn diese war streng begrenzt auf Teilnehmer, mit einem sehr frühen Krankheitsstadium, in welchem sie so gut wie noch gar nicht beeinträchtigt sind.

Hinzu kommt das so genannte CAP-Ergebnis, das einen bestimmten Wert erreichen muss. Bei "CAP" handelt es sich um eine um eine Zahl, die aus dem Alter einer Person und ihrer Anzahl an CAG-Wiederholungen berechnet wird. Man greift auf diese Zahl zurück, da es eine Tendenz für Menschen mit höheren CAG-Anzahlen gibt, bereits im früheren Alter Symptome der Huntington-Krankheit zu zeigen. Wenn also die Veränderung der Huntington-Symptome im Verlauf der Zeit gemessen werden soll, kann man so sowohl Alter als auch CAG-Anzahl berücksichtigen. Im Fall der Studie gibt es einen minimalen CAP-Wert und zwar um sicher zu stellen, dass solche Patienten ausgewählt werden, die am wahrscheinlichsten von dem Medikament profitieren. Dadurch soll die Studie so groß wie nötig aber so klein wie möglich gehalten werden und möglichst zügig durchgeführt werden können.

Eine Menge Lumbalpunktionen

Für die Studie wird auch an einem Drittel der Teilnehmer ein Placebo getestet werden. Das ist zwingend erforderlich, um den Placeboeffekt zu umgehen. Es ist nämlich eine Tatsache, dass alleine die Teilnahme an der Studie, dazu führen kann, dass Patienten sich besser fühlen, auch wenn das Medikament gar keine (positiven) Auswirkungen auf sie hat.

Die restlichen zwei Drittel der Teilnehmer werden in zwei Gruppen aufgeteilt, von denen eine einmal im Monat, die andere alle zwei Monate eine Lumbalpunktion mit Injektion des Wirkstoffes erhält. Das ist spannend, weil es zeigen wird, ob eine weniger häufige Behandlung unter Umständen den gleichen Effekt hat.

Keiner der Teilnehmer weiß jedoch in welcher Gruppe er ist und so muss jede Person monatlich punktiert werden und das für 25 Monate. Das sollte sich jeder, der gerne teilnehmen würde, bewusst machen.

Ergebniserfassung

Über Erfolg oder Misserfolg der Studie wird in den USA mithilfe des Maßes der Funktionalen Gesamtfähigkeit (engl.: "Total Functional Capacity (TFC)) entschieden. Dabei handelt es sich um eine einfach gehaltene Bewertungsskala zu den Fähigkeiten einer Person einfache Haushaltstätigkeiten oder sonstige Arbeiten durchzuführen und für sich selbst zu sorgen.

In Europa gibt es dagegen eine etwas fortgeschrittenere Bewertung namens Zusammengefasste Bewertungsskala der Huntington-Krankheit (engl.: "composite Unified Huntington's Disease Rating Scale (cUHDRS)"). Hierbei wird eine größere Spanne von Huntington-Symptomen berücksichtigt, denn zusätzlich zur Bewertung der TFC wird ein Bewegungsindikator gemessen und werden Denktests durchgeführt.

Es ist zwar ungewöhnlich, aber es ist nicht das erste Mal, dass es für eine einzige Studie in unterschiedlichen Ländern verschiedene Endpunkte gibt. Wichtig ist, dass in jedem Fall erfasst werden soll, wie sich die Huntington-Krankheit über die Zeit hinweg entwickelt. Dazu haben die zuständigen Behörden auf den beiden Kontinenten ihre leicht unterschiedlichen Ansatzpunkte. Wir erwarten, dass man am Ende mithilfe beider Skalen die gleichen Tendenzen in Bezug auf die Wirksamkeit des Medikamentes sehen kann.

Nicht jeder Teilnehmer wird ab dem ersten Tag der Studie erfasst werden können, daher wird eine Studie, die eine Teilnahme von 25 Monaten erfordert, insgesamt eventuell etwa doppelt so lang dauern oder sogar länger.

Es gibt da noch etwas

Roche gab auch die Durchführung einer weiteren Studie bekannt, der so genannten Naturhistorischen Studie (engl.: "Natural History Study"). Diese zielt darauf ab grundlegende Informationen zum Fortschreiten der Huntington-Krankheit zu erhalten. Bis zu 100 Patienten sollen teilnehmen. Im Zuge dessen sollen auch die Teilnehmer der bereits laufenden offenen klinischen Studie an RG6042 weiter untersucht werden. Diese Personen nahmen seit 2015 an der ersten Huntingtin-Verminderungsstudie von Ionis/Roche teil und erhalten nun freiwillig weiterhin regelmäßig das Medikament. Die neuen Teilnehmer werden im Anschluss an die fünfzehnmonatige Naturhistorische Studie ebenfalls die Möglichkeit haben, weiterhin an der offenen klinischen Studie teilzunehmen.

Und noch etwas!

Das EHDN-Treffen 2018 erbrachte auch Neuigkeiten von weiteren Studien an der Huntingtin-Reduzierung durchgeführt durch die Firmen Wave Life Sciences, PTC Therapeutics und Uniqure. HDBuzz wird in nächster Zeit weitere Artikel zu diesen Updates veröffentlichen.

Was nun?

Folgerichtig gibt es nach der ersten Studie, die die kurzfristige Unbedenklichkeit der Medikation sowie die Reduzierung von Huntingtin belegte, nun feste Eckdaten der "entscheidenden" Studie, die zeigen soll, ob RG6042 wirkt oder nicht, mit ziemlich klaren zeitlichen Vorgaben.

Es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass die Teilnehmer an GENERATION-HD1 eine lange und schwierige Aufgabe vor sich haben. Hier mitzumachen wird sie körperlich und mental stark fordern.

Gleichzeitig wird es voraussichtlich viele Menschen geben, die gerne teilnehmen würden, für die es aus verschiedenen Gründen aber nicht möglich sein wird. Das kann ohne Frage sehr enttäuschend sein. Der einzige Trost ist, dass das Medikament so oder so getestet wird und diese Erprobung hat zum Ziel, am Ende einen hilfreichen Wirkstoff für alle Betroffenen heute und in zukünftigen Generationen zur Verfügung stellen zu können.

Alles in allem handelt es sich hier um großartige Neuigkeiten. Nach langen Jahren der Arbeit von hunderten von Menschen, halten wir endlich einen festen Zeitplan für die Untersuchung der Wirksamkeit des Huntingtin-Verminderungsmedikamentes RG6042 in den Händen.

Diese Ankündigung ist wirklich aufregend wie auch das gesamte Forschungsfeld der Huntingtin-Verminderung. Wir möchten weiterhin dafür sorgen, dass die Mitglieder der Huntington-Gemeinschaft darüber auf dem Laufenden gehalten werden. Bleiben Sie HDBuzz also gewogen für weitere Neuigkeiten zu dieser und anderen Studien und Entwicklungen.

Enttäuschende Neuigkeiten von Legato-HD-Studie und Laquinimod bezüglich der Huntington-Krankheit

23. August 2018 - 0:45
Die Legato-HD-Studie an Laquinimod zur Verlangsamung des Fortschreitens der Huntington-Krankheit hat ihren primären Endpunkt verfehlt. Was ist ein Endpunkt und was bedeutet das alles für Familien, die von der Huntington-Krankheit betroffen sind?

Um was ging es bei der Legato-HD-Studie?

Legato-HD war darauf ausgelegt, zu überprüfen, ob ein Medikament namens Laquinimod in der Lage ist, das Fortschreiten der Huntington-Krankheit zu verlangsamen. Das Medikament wird von Active Biotech zusammen mit dem israelischen Medikamentenhersteller Teva Pharmaceuticals entwickelt. Es wird getestet, ob es gegen zwei Gehirnerkrankungen helfen kann - Multiple Sklerose (MS) und die Huntington-Krankheit.

Bei beiden Krankheiten findet eine Überaktivierung des Immunsystems statt, insbesondere im Gehirn. Bei MS gibt es sehr klare Verbindungen zwischen dieser Überaktivierung und den Symptomen der Krankheit. Bei der Huntington-Krankheit ist das weniger offensichtlich, aber Huntington-Patienten und Tiermodelle weisen Anzeichen erhöhter Aktivierung des Immunsystems im Gehirn auf.

Teva hat Laquinimod an Huntington-Patienten zusammen mit der Huntington Study Group und dem European Huntington's Disease Network in einer Studie namens Legato-HD getestet. An der Studie nahmen weltweit 351 Patienten teil, jede/r bekam eine von drei unterschiedlichen Dosen von Laquinimod bzw. einen Placebo.

Die Versuchsreihe gestaltete sich holprig - aufgrund von Bedenken bezüglich zu hoher Dosen, die während einer MS-Studie entstanden, wurde bereits im Jahr 2016 die höchste der getesteten Mengen aus der Studie herausgenommen. Dadurch wurde leider die Gesamtzahl der Teilnehmer reduziert, genauso wie die durchschnittliche Dosis. Unweigerlich sank damit auch die Wahrscheinlichkeit eines positiven Ergebnisses.

Ein Wort zu Endpunkten

Bevor es hier um die Ergebnisse geht, möchten wir daran erinnern, dass ein kritischer Punkt bei dem Entwurf einer Studie die Festlegung eines Endpunktes ist. Dieser beschreibt die spezifische Auswirkung des Versuches, die man sich erhofft. Er schützt vor Wunschdenken, indem bereits vor dem Experiment feststehen muss, welche Voraussetzungen für einen Erfolg erfüllt sein müssen und das Ergebnis somit im Nachhinein nicht so leicht schöngeredet oder überinterpretiert werden kann.

Sobald also die Wissenschaftler entschieden haben, welche Veränderung sie am Ende sehen wollen, legen sie diese als den so genannten primären Endpunkt der Studie fest. Wenn die Studie später zeigt, dass der primäre Endpunkt erzielt wurde, dass also die erhofften Wirkungen eingetreten sind, wird das Ergebnis der Studie als positiv bewertet. Wenn nicht, dann fällt die Studie im strengen Sinne negativ aus, selbst wenn beispielsweise andere Symptome der Krankheit gemildert werden konnten.

Auch wenn es im Allgemeinen nur einen Endpunkt für eine Studie gibt, legen Pharmaunternehmen oft einen sekundären Endpunkt für klinische Studien fest. Hierbei geht es um Merkmale der Krankheit, von denen man sich erhofft, dass sie sich verbessern, die aber keine Aussage über Erfolg oder Misserfolg der Studie treffen. Ungleich dem primären Endpunkt, kann es auch mehrere sekundäre Endpunkte geben, da es nützlich sein kann, möglichst viele Details der freiwilligen Studienteilnehmer möglichst sorgfältig zu beobachten.

Was waren die Endpunkte der Legato-HD-Studie?

Für die Legato-HD-Studie legten die Wissenschaftler als Endpunkt ein Maß für die Bewegungen der Studienteilnehmer fest. Dieses vollständige Bewegungsmaß (engl.: total motor score) schließt sowohl die ausschweifenden Bewegungen mit ein, die so typisch für die Huntington-Krankheit sind, als auch Schwierigkeiten mit gewöhnlichen Bewegungen wie Gang oder Augenbewegung. Der primäre Endpunkt bei Legato-HD war die Verlangsamung der Verschlechterung dieses Bewegungsmaßes vom Startpunkt der Studie bis hin zur Untersuchung der Teilnehmer nach 12 Monaten.

Die verantwortlichen Wissenschaftler legten auch vier sekundäre Endpunkte fest. Zur Wiederholung, das waren die Aspekte der Krankheit, die sich nach Hoffnung der Forscher durch die Behandlung mit Laquinimod verbessern lassen würden, die aber nicht herangezogen werden sollten, um zu bestimmen, ob die Studie erfolgreich war oder nicht - hierzu dient alleine der primäre Endpunkt.

Bei der Legato-HD-Studie, bestanden die sekundären Endpunkte aus der Messung des Volumens eines Gehirnbereiches, der normalerweise im Verlauf der Huntington-Krankheit schrumpft und drei weiteren Messungen für das Fortschreiten der Krankheit.

Was wissen wir?

Am 31. Juli veröffentlichten die Sponsoren von Legato-HD eine Pressemitteilung mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse. Das ist für diese Art von Studien üblich: zunächst wird eine knappe Pressemitteilung durch die Sponsoren veröffentlicht, die die zentralen Ergebnisse aufführt und erst später wird eine tiefergehende Aufarbeitung im Rahmen einer wissenschaflichen Publikation realisiert.

Leider besagt die Pressemitteilung, dass Laquinimod "nicht den primären Endpunkt bezüglich der Veränderung im Vergleich zum Ausgangszustand nach 12 Monaten der Behandlung erreichte". Das bedeutet, dass das definierte Bewegungsmaß nicht ausreichend starke Verbesserungen bei den Huntington-Patienten, die Laquinimod einnahmen, aufwies, um im Sinne der Forscher zu beweisen, dass das Medikament funktioniert.

Allerdings, wird in der Pressemitteilung wie folgt fortgefahren: "Der sekundäre Endpunkte der Studie, die Reduktion der Hirnatrophie [...] wurde erreicht". Das könnte recht interessant sein, denn es legt nahe, dass das Medikament Auswirkungen auf den Prozess hat, der die Schrumpfung des Gehirns bewirkt. Jedoch wurden die anderen drei sekundären Endpunkte in der Pressemitteilung nicht erwähnt und somit ist es wahrscheinlich, dass sie nicht erreicht wurden.

Es ist Vorsicht geboten. Es gib eine lange Reihe von sekundären Endpunkten, für die es in ersten Studien positiv aussieht, die dann aber in Folgestudien nicht reproduzierbar sind. Während wir die potentielle Auswirkung von Laquinimod auf das Hirnvolumen also spannend finden, müssen wir uns mit der Urteilbildung zurückhalten, bis wir die ausführlichen Ergebnisse kennen.

Handelt es sich um eine fehlgeschlagene Studie?

Es ist enttäuschend, dass die Legato-HD-Studie nicht ihren primären Endpunkt erzielte, trotzdem sehen wir sie nicht als fehlgeschlagen an. Die Versuchsreihe ist deswegen ein Erfolg, weil sie das erreichte, wofür sie ausgelegt war: sie sollte uns Auskunft geben, ob Laquinimod die Symptome der Huntington-Krankheit lindert. Das tut es nicht. Das wissen wir jetzt und können daher mit den nächsten Ideen und Versuchen weitermachen.

Wir sagen oft, dass wissenschaftliche Erkenntnisse aufeinander aufbauen. Heute haben wir wieder etwas mehr darüber verstanden, was bezüglich der Huntington-Krankheit funktioniert und was nicht - das ist ein Fortschritt.