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Die dunkle Seite der DNA-Reparatur: ein Hinweis auf neue Behandlungsmöglichkeiten?

HDBuzz - 31. Dezember 2020 - 16:45
Ein Gen namens "MSH3", das den Code für ein DNA-Instandhaltungs- und Reparatureiweiß in sich trägt, hat sich zu einer heißen Spur in der Huntington-Forschung entwickelt, nachdem mehrere Studien es als wichtigsten Verstärker der Krankheit identifiziert haben. In einer neuen Veröffentlichung bietet ein Team von der National University of Ireland in Galway Einblicke in die Kontrollmechanismen des Gens, die bei der Entwicklung neuer Medikamente hilfreich sein könnten.

MSH3 - das zweischneidige Schwert

Das MSH3-Eiweiß ist für die Korrektur genetischer Fehler zuständig. Es schützt unser Erbgut gegen kontinuierliche Angriffe, es verhindert Schädigungen der DNA. Um dies zu erreichen, rastert es die DNA ab und sucht nach Fehlern und nimmt sich dann andere Proteine zur Hilfe, um Fehler zu beheben. Mediziner sprechen von der DNA-Mismatch-Reparatur.

Die Huntington-Krankheit wird durch eine übermäßig verlängerte DNA-Sequenz verursacht, in der immer wieder die Basenfolge C-A-G wiederholt wird und die sich auf dem Huntington-Gen befindet. In den Hirnregionen, die von der Krankheit betroffen sind, verhält sich dieser DNA-Abschnitt unstabil, was dazu führt, dass im Laufe des Lebens immer mehr CAG-Wiederholungen (CAG-Repeats) hinzu gefügt werden. Man spricht hier von somatischer Instabilität. Bei den meisten Erkrankungen, die auf einer erhöhten Repeatzahl beruhen, gilt, dass sie schwerwiegender werden, je höher die Anzahl wird.

Wenn MSH3 in unseren Zellen bei den CAG-Repeats ankommt, detektiert es einen Fehler in der DNA und versucht den Fehler zu beheben. Leider scheitert MSH3 an dieser Aufgabe und fügt stattdessen eher weitere CAG-Wiederholungen hinzu, sodass alles noch schlimmer wird!

Wie kann man das verhindern?

Wenn man ein Medikament entwickeln könnte, dass MSH3 davon abhält, diesen Fehler zu machen, könnte die somatische Expansion verhindert und damit zumindest ein Fortschreiten der Huntington-Krankheit vermieden werden.
Aber wie kann das gelingen, ohne die normale, nützliche Funktion von MSH3 zu stören? Normalerweise können, wenn DNA-Reparaturgene fehlen, alle möglichen Schwierigkeiten auftreten, da sich DNA-Schäden häufen, beispielsweise könnte das Krebs verursachen.
Was bei MSH3 besonders ist, ist dass seine nützliche Arbeit vollständig durch andere Gene und Proteine abdeckbar scheint. Es zeigen sich keine schädlichen Nebenwirkungen, wenn man MSH3 entfernt. Dadurch scheint es das ideale Ziel für eine Medikation zu sein.

Was ist jetzt neu?

Unsere Zellen können dafür sorgen, dass das Eiweiß des MSH3 langsamer arbeitet, indem sie eine chemische Verbindung, eine Acetyl-Gruppe, hinzufügen. Sie können es auch beschleunigen, indem sie die Gruppe wieder entfernen. Da ein schneller arbeitendes MSH3-Protein zu einer schnelleren DNA-Verlängerung führen würde, wollen Wissenschaftler das Entfernen der Acetyl-Gruppe verhindern. Aus früherer Forschung ist bekannt, dass ein Enzym namens HDAC3 für das Entfernen der Gruppe zuständig ist. Das Laheu Labor an der National University of Ireland in Galway testete nun eine Wirksubstanz, die eben dieses HDAC3 von seiner Arbeit abhält und untersuchte die Auswirkungen auf die DNA-Expansion.

Was wurde herausgefunden?

Sie fanden heraus, dass ihr Medikament die Erhöhung der CAG-Anzahl in menschlichen Zellen verhindern konnte und - das ist wesentlich - dass dadurch keine wichtigen DNA-Reparaturarbeiten beeinträchtigt wurden, sodass die Gefahr an Krebs zu erkranken nicht erhöht wird.
Die Forscher nutzten das Medikament auch, um mehr darüber zu erfahren, wie HDAC3 die Aktivität von MSH3 kontrolliert. Eiweißmoleküle nutzen spezielle Signale namens "Nuclear Localisation Sequences" (NLS), die sie wie eine Postleitzahl an Zielorte im Zellkern (Nukleus) leiten, wo unsere DNA aufbewahrt wird. Sie beobachteten, dass eine Acetyl-Gruppe die Postleitzahl für MSH3 verändert und es aus dem Nukleus heraus lenkt, wo es nicht mehr mit der DNA interagieren kann.

Was bedeutet das?

Zusammengefasst legt die Studie nahe, dass ein neuer Kontrollmechanismus für die übermäßige DNA-Verlängerung identifiziert wurde, nämlich die Entfernung der Acetyl-Gruppe von MSH3 durch HDAC3. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum Patienten ein langsameres Fortschreiten der Huntington-Krankheit zeigen, wenn sie eine spezielle Version von MSH3 aufweisen, bei der die Acetyl-Gruppe nur schwer entfernt werden kann.

Das Verständnis von Krankheitsmechanismen auf so eine tiefgehende Art öffnet neue Türen für das Design von Medikamenten - insbesondere, da in diesem Fall eine HDAC3-Hemmung scheinbar nicht zu Beeinträchtigungen der notwendigen DNA-Mismatch-Reparatur führt. Das Medikament, das in dieser Studie untersucht wurde, hat sich als wirkungsvoll, selektiv und bereits recht gut erforscht. Daher könnte es bereits selbst ein vielversprechender Kandidat für klinische Studien sein.

Auch wenn das so ist, kann die Einflussnahme auf HDAC alle möglichen anderen ungewollten Nebenwirkungen auf die Zellen haben. Es muss also noch sichergestellt werden, dass das Medikament wirklich sicher ist und diese Nebeneffekte weitestgehend harmlos sind. Darüber hinaus muss eine Möglichkeit gefunden werden, die Substanz bis in die tiefen Hirnregionen vordringen zu lassen, die bei der Huntington-Krankheit betroffen sind. Dahinter verbirgt sich eine große Herausforderung.

Die Arbeit aus Galway ist also vielversprechend, es muss allerdings noch viel getan werden, bevor man sich über ein wirksames Medikament gegen Huntington freuen kann.

Screening des gesamten Genoms nach möglichen Ansatzpunkten für ein Medikament gegen Huntington

HDBuzz - 13. Dezember 2020 - 18:45
Eine Veröffentlichung aus dem Journal "Neuron" berichtet von neuen möglichen Ansatzpunkten für eine Behandlung der Huntington-Krankheit. Die Arbeit, die von Professor Myriam Heiman und ihren Kollegen durchgeführt wurde, setzte brandneue Gentechnologie ein und entdeckte im Labor mehrere Gene, die das Fortschreiten der Krankheit beeinflussen könnten. Viele dieser Gene wurden bisher nicht mit Huntington in Verbindung gebracht und könnten daher neue Wege für Forscher in der Medikamentenentwicklung eröffnen.

Ein ehrgeiziges Raster des gesamten Genoms

Die Zellen unseres Körpers enthalten DNA, eine Gesamtheit von tausenden von Genen, jedes davon ein Rezept mit Anleitungen zur Herstellung unterschiedlichster Proteine. Die Übertragung der Anleitung erfolgt mit Hilfe der Boten-RNA oder mRNA, die von der Zelle ausgelesen wird. Dieser Prozess kann von Wissenschaftlern gezielt beeinflusst werden und dadurch kann im Labor ein Verständnis für die Rolle unterschiedlicher Gene im Körper entwickelt werden.

Ein Raster oder genetisches Screening soll dazu dienen, jedes einzelne Gen auf eine gewissen Aufgabe hin abzutasten. Im vorliegenden Fall wollten Forscher die Schutzwirkung aller Gene gegen Schädigungen durch die Huntington-Mutation untersuchen.

Technologien zur Erstellung eines genetischen Rasters gibt es verschiedene, es ist ihnen aber gemeinsam, dass sie alle darauf abzielen die Produktion eines bestimmten Proteins zu reduzieren oder zu stoppen. Ansteuern kann man die Gene zum Beispiel durch Genombearbeitung oder durch Einwirkung auf die spezifische Boten-RNA.

Weltweit führend bei der Erstellung von Bibliotheken, die für genetische Screenings verwendet werden können, ist Professor Heiman vom Borad Institute. In der vorliegenden Studie wurde auf zwei Technologien zurückgegriffen, in beiden Fällen muss ein Transport über bestimmte Viren vorgenommen werden. Als erstes wurden kurze Haarnadel-RNAs mithilfe der Viren in die Zellen eingeschleust. Diese interagieren mit der Boten-RNA und sorgen dafür dass diese nicht in den Bau von Proteinen übersetzt wird. Die zweite eingesetzte Methode war CRISPR, das eine direkte Bearbeitung des Genoms ermöglicht, sodass bestimmte Gene gar nicht erst durch die Boten-RNA ausgelesen werden.

Systematische Rasterungen des Erbguts von einfacheren Tiermodellen wie Würmern oder Fliegen gibt es bereits seit Jahrzehnten. Allerdings stellten Säugetiere ungleich größere technische Herausforderungen dar, sodass deren Erbgut lange nicht so detailliert untersucht werden konnte.

Professor Heiman's Gruppe konnte die Schwierigkeiten überwinden, indem sie einge Möglichkeit fand, die nötigen Reagenzien zu bündeln und aufzukonzentrieren, die dann in Mäusegehirne injiziert wurden. Sie konnten direkt das Striatum untersuchen und damit den Teil des Gehirns, der von der Huntington-Krankheit am stärksten betroffen ist.

Mehr als 20.000 Gene für eine einzige Studie untersucht

Anstatt sich auf bekannte Gene zu konzentrieren, von denen man bereits weiß, dass sie Neurodegeneration begünstigen, sollte ein möglichst unbeeinflusster Blick auf das komplette Genom und damit auf fast jedes einzelne Gen gerichtet werden. Tatsächlich waren es fast 22.000 Gene, die in den Mäusen gefunden und untersucht wurden. Das ist sehr ehrgeizig und beschert der Forschergemeinde einen großen und wertvollen Datenpool sowohl in Bezug auf die Huntington-Krankheit als auch darüber hinaus.

Da es sich um das erste systematische Raster im Nervensystem von Säugetieren handelt, wurden gewöhnliche, gesunde Mäuse untersucht, um herauszufinden, welche Gene für den Erhalt der normalen Funktion des Gehirns zuständig sind. Es zeigte sich hierbei, dass Gene, die bereits bei Würmern oder Fliegen als bedeutend identifiziert wurden, auch bei Mäusen wichtig sind.

Darüberhinaus zeigten sich in der Studie aber auch neue Gene, die eine Rolle im Zellstoffwechsel spielen. Dass diese bei Würmern oder Fliegen nicht identifiziert wurden, hängt wahrscheinlich damit zusammen dass das Nervensystem von Säugetieren einen höheren Energieverbrauch hat und daher stärker von Genen abhängt, die die Zellen bei der Energieproduktion unterstützen. Dabei handelt sich um eine gute Erinnerung an die Tatsache, dass bei wissenschaftlichen Erkenntnissen immer darauf geachtet werden muss, in welchen Tiermodell diese erzielt wurden.

Zusätzlich zu den gesunden Mäusen wurden zwei weitere Mausmodelle untersucht: R6/2 und zQ175, die beide schon vielfach als Huntington-Mausmodelle zum Einsatz gekommen sind. Durch den Vergleich der Gen-Raster der Huntington-Mäusen mit dem der Kontroll-Mäuse, konnten die Forscher herausfinden, welche Gene insbesondere bei der Huntington-Krankheit für die Hirnfunktion von Bedeutung sind.

Für die Gen-Raster der beiden Huntington-Mausmodelle wurden in der Studie etwa 500 Gene identifiziert, die wichtig für das Fortschreiten der Krankheit sind. Viele dieser Gene spielen eine Rolle in der Wissenschaft bereits bekannten Prozessen, die in anderen Gen-Screening Studien identifziert wurden, bei denen Gene mit Auswirkungen auf das Ausbruchsalter der Krankheit bei Menschen gesucht wurden. Es handelt sich um Gene, die DNA-Schäden reparieren oder solche die die Übertragung der Information aus der mRNA regulieren.

Es wurden auch neue Zielgene für Medikamente beim Screening identifiziert, darunter Gene aus der Nme-Familie. Nme-Gene wurden bereits mit der Verbreitung einiger Krebsarten in Verbindung gebracht, aber es ist das erste Mal, dass eine Verbindung zwischen ihnen und der Huntington-Krankheit beschrieben wurde. Heimann und Kollegen denken, dass ein Ansteuern der Nme-Gene deswegen nützlich sein könnte, weil man den Gehirnzellen so helfen könnte, das mutierte Huntingtin loszuwerden.

Neue Möglichkeiten für Therapieansätze

Auch wenn es mittlerweile bereits einige bahnbrechende Methoden in die klinische Erprobung geschafft haben, ist es wichtig, dass die Wissenschaftler weiterhin nach Möglichkeiten der medizinischen Behandlung von Huntington suchen. Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine entscheidende Datenquelle dafür, die eventuell auch für andere Nervenkrankheiten nützlich sein kann.

"Huntington Study Group" (HSG) Jahreskonferenz 2020: HD in Focus - Tag 2

HDBuzz - 21. November 2020 - 20:45
Auch der zweite Tag der Konferenz war vollgepackt mit Präsentationen von Huntington-Forschern und Ärzten.

Es begann mit Vaccinex, die einen Überblick über ihre Arbeit im Rahmen der SIGNAL-Studie gaben. Leider stellte sich das darin untersuchte Medikament Pepinemab als wirkungslos gegenüber den Symptomen der Huntington-Krankheit heraus und die SIGNAL-Studie konnte daher nicht ihre klinischen Ziele erreichen. Die beteiligten Forscher nehmen an, dass evtl. andere Gruppen von Patienten oder eine andere Form der Behandlung Vorteile bringen könnte, aber das müsste erst noch untersucht werden. HDBuzz hat kürzlich einen ausführlicheren Artikel zu den Ergebnissen der SIGNAL-Studie veröffentlicht.

Ein gemeinsamer Bericht von Lori Quinn (Columbia University) und Shelley Knewstep-Watkins (University of Virginia) betrachtete im Anschluss den Nutzen von Physio- und Ergotherapie für Huntington-Patienten. Während es vielen von uns geläufig ist, dass Sport und andere Formen der Aktivität generell zum mentalen und körperlichen Wohlbefinden beitragen können, gab es zur genauen Auswirkung auf die Huntington-Krankheit bis vor Kurzem keine genauen wissenschaftlichen Studien. Quinn und Knewstep-Watkins erklärten die Ergebnisse einer kürzlichen Zusammenfassung zu Physiotherapie von frühen bis hin zu späten Phasen der Huntington-Krankheit. Sie hoben dabei die PACE-HD-Studie hervor, die sich mit solchen Themen beschäftigt und die bald zum Abschluss kommen soll. Weiterhin gingen sie auf Technologie ein, die die Aktivität gut rückverfolgen lässt, sowie auf Wearable Devices, die die Motivation steigern sollen und Telemedizin, die bei der Pflege von Menschen unterstützt, wenn persönliche Termine schwierig oder unmöglich sind.

Nikolaus McFarland (University of Florida) folgte darauf mit seinem Vortrag über leichte kognitive Beeinträchtigung (engl.: mild cognitive impairment, MCI) und Demenz bei Huntington-Patienten, die Bewegungssymptome zeigen. McFarland und sein Team untersuchten Patientendaten aus der ENROLL-HD-Studie. Sie fanden heraus, dass MCI und Demenz recht weit verbreitet bei Betroffenen sind, bei denen auch Bewegungssymptome beobachtet werden. MCI zeigt sich meist schwerwiegender bei Patienten mit einer höheren CAG-Anzahl. Das Verständnis der Symptome über alle Stadien der Krankheit hinweg ist für behandelnde Ärzte und zuständige Pfleger sehr wichtig.

Für die nächste Präsentation taten sich vier Profis aus dem Gesundheitsbereich zusammen, die Erfahrungen mit der Huntington-Krankheit haben. Ein Sozialarbeiter, ein Psychologe und zwei Neurologen gaben einen Überblick über häufige Verhaltensänderungen im Laufe von Huntington. Es handelt sich dabei um sehr frühe veränderungen, die zu kennen wichtig für das behandelnde Personal und für die Angehörigen ist, sodass sie eine geeignete Unterstützung bieten können. Die Informationen aus den Erfahrungsberichten sind insbesondere für Gesundheitspersonal von Interesse, dass eher selten mit Huntington-Patienten zu tun hat.

Am Nachmittag bot die Konferenz wieder einen Überblick über aktuelle klinische Studien: eine Reihe kurzer Präsentationen von Pharmafirmen, die bereits Medikamente am Menschen testen oder vor haben dies zu tun.

* Michael Hayden (University of British Columbia) sprach über die PROOF-HD-Studie, die von einer neuen Firma namens Prilenia durchgeführt werden soll. Hier soll das Potential von Pridopidine als Behandlung von Huntington eruiert werden. Fühere Studien zu Pridopidine zeigten enttäuschende Ergebnisse. Da allerdings bei einigen Patienten Anzeichen für Verbesserungen bei Alltagstätigkeiten festgestellt wurden, will Prilenia nun mit PROOF-HD eine größere Studie zu dem Medikament durchführen. Diese Phase-III-Studie schließt mehr Patienten (etwa 500) mit ein, die sich an einem früheren Zeitpunkt in ihrem Krankheitsverlauf befinden. Sie sollen das Medikament ein Jahr lang nehmen, in der Hoffnung, dass bessere Ergebnisse erzielt werden können.

* Wave Life Sciences hat die Studien PRECISION-HD1 und PRECISION-HD2 durchgeführt, die zwei ASO-Medikamente hinsichtlich deren Fähigkeit der Verminderung des mutierten Huntingtin-Eiweißes bewerten sollen. Die gewöhnliche Form des Huntingtins wird hier nicht beeinflusst. Die Medikamente wurden bisher gut vertragen und es wurden Reduzierungen des Huntingtin-Niveaus festgestellt. Wave fügte daraufhin noch eine Kohorte zu den Studien hinzu, die eine höhere Dosis erhält. Es soll weiterhin zukünftig noch ein drittes Medikament dieser Art getestet werden, da die bisherigen zwei nicht für alle Huntington-Patienten anwendbar sind. So strebt Wave eine Behandlung für etwa 80% aller Betroffenen an.

* uniQure zeigte ein Update zu ihrer HD-GeneTRX-1-Studie, in der ihr Medikament AMT-130 getestet wird. Es handelt sich dabei um eine Gentherapie gegen Huntington, die einmalig in einer Gehirn-OP injiziert wird und zur Huntingtin-Verminderung im Gehirn führen soll. Sie gehen sehr vorsichtig vor, denn es handelt sich um die erste klinische Studie dieser Art. Die ersten beiden Patienten wurden im Juni 2020 auf die geplante Weise behandelt und es gab keine Komplikationen, sodass man im Oktober 2020 mit den nächsten beiden weiter machte. Insgesamt nehmen etwa 26 Patienten aus den USA an der Studie teil.

* Annexon Biosciences arbeitet an Wirkstoffen, die auf Proteine spezialisiert sind, die Verbindungen zwischen Neuronen entfernen. Das Entfernen der Verbindungen, das "synaptische Stutzen" ist sehr wichtig während der Entwicklung des Gehirns, bei Krankheiten wie Huntington tritt es im Erwachsenenalter aber in zu aktiver Form auf. Das Medikament ANX005 soll dieses Stutzen verlangsamen, um mehr Zellen am Leben zu erhalten. Es wurde bereits erfolgreich an Menschen mit einer Nervenkrankheit namens Guillain-Barré-Syndrom getestet. Derzeit führt Annexon Biosciences eine Phase-I-Studie mit 24 Teilnehmern durch, um herauszufinden, ob ANX005 auch bei Huntington-Patienten sicher und gut verträglich ist.

* Neurocrine Biosciences führt gerade die KINECT-HD-Studie durch, um die Effektivität des Wirkstoffes Valbenazin gegen die Überbeweglichkeit bei der Huntington-Krankheit zu erproben. Das Medikament ist bereits für Patienten mit tardiver Dyskinesie zugelassen, die ähnlich wie Huntington-Patienten an ungewollten Bewegungen des Gesichtes und der Gliedmaßen leiden. KINECT-HD ist eine 14-wöchige Studie, an der 120 Patienten im Alter von 18 bis 75 teilnehmen sollen. Nach Abschluss der Studie können die Teilnehmer mit KINECT-HD2 fortfahren, eine offene Studie, bei der alle Teilenehmenden dann das Medikament erhalten und über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet werden.

* Roche gab ein kurzes Update zur Phase-III-Studie GENERATION-HD1, in der ein Huntingtin-Verminderungs-Medikament namens Tominersen getestet wird. Es wurden bereits alle Teilnehmer rekrutiert, insgesamt fast 800 an über 100 Studienzentren in 18 Ländern. Diese großangelegte Studie soll über die Sicherheit, Dosis und ganz zentral über die Wirksamkeit von Tominersen gegen Fortschreiten und Verlauf von Huntington Auskunft geben. Die Ergebnisse werden im Jahr 2022 erwartet. Roche teilte auch Ergebnisse aus der offenen Verlängerungsstudie der Phase-II mit, in welcher Teilnehmende das Medikament Tominersen monatlich oder jeden zweiten Monat für ein Jahr lang verabreicht bekamen. Roche stellte hier fest, dass die reduzierte Häufigkeit der Lumbalpunktion besser vertragen wurde und dennoch zu einer signifikanten Reduzierung von Huntingtin führte.

* Azevan Pharamceuticals zeigte Daten und Zukunftspläne in Bezug auf ihren Wirkstoff SRX246. Sie untersuchen, ob das Medikament hilfreich sein kann für Huntington-Patienten, die häufig unter starker Reizbarkeit und Aggression leiden. Azevan hat dazu eine Phase-II-Studie namens STAIR durchgeführt, in der festgestellt wurde, dass SRX246 gut verträglich war und bei Huntington-Patienten die Anzahl der Aggressionsanfälle verringert hat. Gerade bereiten sie eine größere Phase-III-Studie vor. Es handelt sich dabei um das erste Medikament, dass sich speziell einem Verhaltenssymptom der Huntington-Krankheit annimmt.

* Novartis zeigte Daten zu Branaplam und Details zu ihrem Plan, diese Substanz an Huntington-Patienten zu testen. Branaplam wurde für eine genetische Krankheit entwickelt, die im Kindesalter ausbricht, die spinale Muskelatrophie. Es zeigte sich allerdings in Novartis' Studien dazu auch, dass das Medikament die Menge an Huntingtin bei den Testpersonen verringerte. Daher hat Novartis im Anschluss Versuche mit Huntington-Mäusen und an Zellkulturen durchgeführt, da sich auch hier Erfolge zeigten, starteten sie mit einer kleinen Sicherheitsstudie an gesunden Erwachsenen. Bisher war die Behandlung gut verträglich und Novartis plant eine Phase-IIb-Studie in 2021 an Huntington-Patienten im Alter von 25-75 Jahren, die bereits frühe Symptome der Krankheit entwickelt haben. Branaplam wird oral verabreicht, was die Aussicht einer regelmäßigen Einnahme angenehmer macht als beispielsweise eine Lumbalpunktion. HDBuzz veröffentlichte kürzlich einen Artikel zu den Plänen von Novartis..


Im Anschluss sprach Dr. Lauren Seeberger aus Colorado von einer Wissenschaftsinitiative namens HD-NET, bei der es sich um eine Umfrage im Jahr 2020 in der Huntington-Pflege in den Vereinigten Staaten handelt. Eine Gruppe von Ärzten, Forschern und Patientensprechern haben die Studie entworfen, um die vorherrschenden Schwierigkeiten in Pflege und Forschung zu identifizieren. Mittels Telefoninterviews mit Huntington-Experten und Leihen gleichermaßen sollen neue Möglichkeiten gefunden werden, Herausforderungen in der Huntington-Gemeinschaft anzugehen, so zum Beispiel finanzielle Fragen, mangelhafte Ausbildung von behandelnden Ärzten und Langzeitpflege.

In einer bewegenden Präsentation zum Abschluss von Tag 2 erzählte Dr. Ignacio Muñoz-Sanjuan, ein Neurowissenschaftler von der CHDI-Stiftung, über seine Arbeit als Vorsitzender von FACTOR-H. Es handelt sich um eine Organisation, die daran arbeitet, das Leiden in von Armut betroffenen Regionen in Südamerika zu lindern, wo viele Menschen von der Huntington-Krankheit betroffen sind. In ergreifenden Aufnahmen von Familien und Einzelpersonen in Venezuela und Kolumbien zeigte er die sozialen Auswirkungen der Krankheit mit dem Hintergrund extremer Armut. Er betonte, dass die Hilfe für Huntington-Patienten weit über die Entwicklung von Medikamenten hinaus geht. FACTOR-H arbeitet mit Menschen vor Ort um Grundbedürfnisse zu stillen und Medikamente zur Verfügung zu stellen. So soll an einer neuen Generation von selbstständigen und selbstbewussten Jugendlichen gearbeitet werden, die das Risiko der Huntington-Krankheit in sich tragen.

Wir danken Ihnen für Ihr Interesse.

"Huntington Study Group" (HSG) Jahreskonferenz 2020: HD in Focus - Tag 1

HDBuzz - 14. November 2020 - 14:45
Das Forschungsnetzwerk "Huntington Study Group" (HSG) beschäftigt sich ausschließlich mit der Huntington-Krankheit. Diesen Herbst fand die jährliche Konferenz 2020 statt. Gleich am ersten Tag . startete die Veranstaltung mit einem vollgepackten Programm von virtuellen Vorträgen aus der Forschung, von Ärzten und verschiedenen Firmen, die alle an Medikamenten gegen die Huntington-Krankheit arbeiten. Der Tag hielt viele faszinierende Präsentationen zu den neuesten Entwicklungen auf diesem Feld bereit.

Präsentationen zu bahnbrechenden Ideen für neue Medikamente

Der erste Vortrag wurde von Darren Monckton (University of Glasgow) gehalten. Er sprach über die Rolle von somatischer Instabilität bei der Huntington-Krankheit. Dabei geht es um eine weitere Verlängerung des CAG-Stranges auf dem mutierten Huntington-Gen im Laufe des Lebens eines Betroffenen. Man geht davon aus, dass bei einer hohen somatischen Instabilität, die Symptome von Huntington-Patienten verstärkt und früher ausbrechen lässt. Vor ein paar Monaten haben wir auf HDBuzz einen ausführlicheren Artikel dazu veröffentlicht. Monckton's Gruppe betrachtet die somatische Instabilität bei einer großen Anzahl von Huntington-Patienten mithilfe der Nutzung von Proben und Daten aus den Beobachtungsstudien Enroll-HD und Track-HD. Auf diese Weise konnten die Forscher herausfinden, dass sich die somatische Instabilität in Blutproben beobachten lässt. Dadurch wird eine Untersuchung derselben viel leichter als durch Nervenwasserentnahmen.

Als Nächste folgte Beverly Davidson (Children's Hospital of Philadelphia), die Genbearbeitungsansätze als mögliche künftige Therapien gegen die Huntington-Krankheit vorstellte. Insbesondere interessiert sich ihr Labor dabei für die CRISPR-Technologie, mit der man gezielt das mutierte Huntingtin-Eiweiß verringern und dessen wilden Typ erhalten könnte. Vielleicht haben Sie mitbekommen, dass kürzlich an die Wissenschaftlerinnen, die CRISPR als erste anwenden konnten, einen Nobel-Preis gewonnen haben. Das Forschungsfeld CRISPR beschäftigt sich mit zahlreichen neuen Entwicklungen rund um die Technologie, die sie sicher und präzise für medizinische Anwendungen machen sollen.

Höhepunkte aus Sarah Tabrizi's Leitvortrag

Den Leitvortrag der Veranstaltung hielt Prof. Sarah Tabrizi (University College London). Zunächst gab sie einen Überblick zu ihrer HD Young Adult Study (HD-YAS), über die wir auf HDBuzz bereits berichteten. In der Studie verglich man junge, symptomfreie Träger des mutierten Huntington-Gens mit einer Kontrollgruppe, um herauszufinden, ab welchem Zeitpunkt Biomarker der Huntington-Krankheit erfasst werden können. Die Teilnehmenden vor Ausbruch der Symptome zu untersuchen, sollte Anhaltspunkte geben, wann eine künftig mögliche Behandlung am besten begonnen werden soll, um die Krankheit entweder zu verlangsamen, aufzuhalten oder ihr idealerweise vorzubeugen. Die jungen Huntington-Genträger zeigen keine kognitiven oder psychiatrischen Unterschiede zu den Nicht-Genträgern. Allerdings konnten bei ihnen einige chemische Veränderungen erfasst werden. Die deutlichste Veränderung waren erhöhte Werte des Proteins "NfL" im Nervenwasser. Tabrizi und ihre Kollegen gehen davon aus, dass NfL-Werte einen guten Biomarker für das Fortschreiten der Krankheit darstellen könnten und daher auch eine Entscheidungsbasis für Ärzte in der Zukunft für den Zeitpunkt einer Behandlung.
Im zweiten Teil ihres Vortrages ging Tabrizi auf einige der vielversprechenden Therapiemöglichkeiten ein, die aktuell im Labor erforscht werden und künftig in klinischen Studien getestet werden könnten. Tabrizi hob das Eiweiß MSH3 hervor, das einen Einfluss auf das Fortschreiten der Krankheit haben könnte. MSH3 wurde ursprünglich als Treffer in der GWAS-Analyse entdeckt und dann mit großem Interesse von Forschern auf der ganzen Welt studiert. Es wurde von Tabrizi's Gruppe gezeigt, dass eine Verringerung der Menge des MSH3-Proteins, die somatische Verlängerung des Huntington-Gens in menschlichen Zellen in einer Petri-Schale verhindern kann. Aber ob eine Verringerung von MSH3 auch die Huntington-Krankheit beim Menschen aufhalten kann, muss sich noch erweisen. Eine weitere interessante Methode, von der Tabrizi berichtete, ist der Huntingtin-Verminderungsansatz der Firma Takeda, die hierfür die Zink-Finger-Techonologie einsetzen. Bei diesem Ansatz soll spezifisch das mutierte, nicht aber das gewöhnliche Huntingtin-Eiweiß reduziert werden. Zuletzt sprach Tabrizi noch die Arbeit des "HD regulatory science consortium (RSC)" an. Eine Einrichtung, die Forschungsvorhaben zur Huntington-Krankheit weltweit miteinander abstimmen will, um den Fortschritt bei der Medikamentenentwicklung zu beschleunigen.

Weitere Vorträge zu den neuesten Medikamentenentwicklungen und Daten aus klinischen Huntington-Studien

Eine Reihe von kurzen Präsentationen beschäftigte sich mit den diesjährigen Erkenntnissen und den Plänen der Arbeitsgruppen der HSG bezüglich verschiedener Themen, wie Telemedizin, die Entwicklung von digitalen Anwendungen zur Symptomüberwachung, die Erfahrungen von Neuropsychologen und Möglichkeiten die Stimmen von Patienten mit einzubeziehen.

Carlos Cepeda (University of California, Los Angeles) beschäftigt sich mit der Rolle der Hirnregion des Cortex bei der Huntington-Krankheit. Er beschrieb dort schon einige Besonderheiten, die Huntington-Patienten aufweisen, die es wiederum ermöglichen könnten, einige der Symptome in extremen Formen der Huntington-Krankheit, wie zum Beispiel der juvenilen Form, zu erklären. Jordan Schultz von der University of Iowa fuhr direkt mit diesem Thema fort und berichtete von der Beobachtungsstudie zur juvenilen Form "Kids-JHD", die sich zum Ziel setzt, mehr über die Symptomen und das Fortschreiten der juvenilen Form zu lernen.

Paul Zeun (University College London) erklärte tiefergehend etwas zu der Arbeit an der HD-YAS Studie aus Sarah Tabrizi's Gruppe. Zeun untersuchte mit seinen Kollegen verschiedene Eiweiße in Nervenwasser-Proben der HD-YAS-Teilnehmer, um Biomarker zu identifizieren. Sie sahen dabei deutlich, dass nur NfL zuverlässig genug schien, um das fortschreiten der Huntington-Krankheit bereits in den frühesten Stadien nachverfolgen zu können.

Juan Sanchez-Ramos (University of South Florida) sprach von verbesserten Vorgehensweisen bei Gentherapien für Huntington-Patienten. Derzeit ist bei einigen in der klinischen Forschung befindlichen Huntington-Therapien eine Lumbalpunktion oder gar eine Operation am Gehirn nötig. Solche Methoden sind teuer, unangenehm für die Patienten und mitunter riskant. Sanchez-Ramos und seine Kollegen haben untersucht, ob eine intra-nasale Anwendung, d. h. sich das Medikament in die Nase zu sprühen, auch funktionieren könnte. Dabei packten sie ein Huntingtin-Verminderungs-Medikament auf winzige Träger aus Nanopartikeln. Bei Mäusen konnten sie die Methode bereits erfolgreich anwenden und sie hoffen nun einen Industriepartner zu finden, der ähnliche Studien am Menschen ermöglichen würde.

Neuigkeiten von Firmen zur Entwicklung von Therapien

Der erste Konferenztag wurde mit kurzen Vorträgen von Firmen, die sich in der Huntington-Forschung betätigen abgeschlossen.

* Triplet Therapeutics hofft, mit ihrem Wirkstoff die somatische Instabilität einzuschränken. Sie führen zunächst eine reine Beobachtungsstudie namens "SHIELD-HD" durch, über die wir bereits im Rahmen unseres Berichtes vom EHDN Treffen schrieben.

* NeuExcell Therapeutics setzen auf regenerierende Wirkstoffe, die Teile des Gehirns, das durch die Huntington-Krankheit beschädigt wird, erneuern könnten. Bei Tiermodellen funktionieren ihre Therapien bereits gut und stellen bestimmte Zelltypen wieder her. Sie hoffen mit klinischen Studien am Menschen im Jahr 2022 beginnen zu können.

* Mitochon Pharmaceuticals untersuchen bekannte Substanzen, die die Mitochondrien (die Kraftwerke der Zellen) aktivieren. Sie hoffen, dass sie so die Produktion von reaktivem Sauerstoff bei Huntington-Patienten stoppen können, dem einige zerstörerische Effekte zugesprochen werden.

* Neubase Therapeutics haben ein Medikament entwickelt, dass unter Laborbedingungen Huntingtin verringern kann und von dem in Tiermodellen gezeigt wurde, dass es sich im ganzen Körper verteilt. Daher hoffen sie, das man damit die Huntington-Krankheit ganzkörperlich behandeln werden kann. Zunächst müssen allerdings noch weitere Untersuchungen an Tiermodellen vorgenommen werden, die die Huntingtin-Verminderung eindeutig zeigen.


In unserem nächsten Artikel können Sie dann lesen, worum es am Tag 2 der Konferenz ging.

Medikament zur Behandlung einer neurologischen Krankheit soll nun auch an Huntington-Patienten getestet werden

HDBuzz - 24. Oktober 2020 - 20:45
Während der Entwicklung eines Medikamentes namens Branaplam für Patienten mit spinaler Muskelatrophie (SMA), hat die Firma Novartis nun festgestellt, dass es auch für Menschen mit der Huntington-Krankheit von Nutzen sein könnte. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat dem Medikament den Status "Orphan-Arzneimittel" gegeben.

Ein fertiges Medikament... für die Huntingtin-Verminderung?

Der Farmakonzern Novartis meldete, dass die FDA dem Medikament Branaplam den Orphan-Arzneimittel-Status für die Behandlung der Huntington-Krankheit gegeben hat.

Branaplam wurde zur Behandlung der neurologischen Erkrankung spinale Muskelatrophie (SMA) entwickelt und befindet sich zu diesem Zweck immernoch in klinischen Studien. Branaplam beeinflusst die Verarbeitung von genetischen Botschaften in Zellen und kann das Niveau eines Proteins namens SMN2 in Zellen anheben. Eine größere Menge SMN2 hilft SMA-Patienten, denn bei ihnen liegt ein zu geringes Level desselben vor, was vielfach die Ursache der Krankheit ist.

Interessanterweise, zeigte sich, dass Branaplam auch den Gehalt an Huntingtin-BotenRNA und dem Huntingtin-Eiweiß herabsetzt. Genau das, was Huntingtin-Verminderungstherapien gerade versuchen zu erreichen, mit denen viele Forscher und Firmen hoffen, die Huntington-Krankheit behandeln zu können.

Die Huntingtin-Verminderungstherapien, die sich derzeit in klinischen Studien befinden, müssen über Lumbalpunktion verabreicht werden. Branaplam hingegen ist ein Medikament aus kleinen Molekülen, das in Tablettenform eingenommen werden kann. Wenn es Novartis gelingt zu zeigen, dass Branaplam wirksam gegen die Huntington-Krankheit ist, würde das bedeuten, dass die Patienten nur Tabletten einnehmen müssten, eine weitaus angenehmere Option als eine Lumbalpunktion!

Orphan-Azneimittelstatus - und was kommt danach?

Die Entscheidung der FDA, den Orphan-Status zu vergeben, geschieht meist dann, wenn ein Medikament für eine seltene Erkrankung entwickelt wird, wie etwa die Huntington-Krankheit. Durch diesen Status erhält die Firma, die den Wirkstoff entwickelt hat, in diesem Fall Novartis, Vorteile, sodass sich die Arbeit lohnt, auch wenn nur ein sehr kleiner Markt dahinter steht.

Es gibt noch eine Menge Unklarheiten für die Forscher. Wenn das Medikament in Tablettenform verabreicht wird, ist davon auszugehen, dass es im ganzen Körper wirkt, nicht nur im Gehirn. Was dadurch hervorgerufen wird, ist noch nicht bekannt. Zusätzlich ist bereits bekannt, dass Branaplam sowohl auf SMN2 als auch auf Huntingtin einen Einfluss nimmt, wahrscheinlich noch auf weitere Proteine. Die genauen Auswirkungen sind noch nicht bekannt. Ohne ein Verständnis des zugrundeliegenden Arbeitsmechanismus von Branaplam, kann so keine Vorhersage für die Wirkung bei Huntington-Patienten getroffen werden. Immerhin wurde bereits in einer Phase-I-Studie an einer kleinen Gruppe von SMA-Patienten die Sicherheit des Medikamentes demonstriert.

Novartis konzipiert gerade eine Phase-II-Studie für Huntington-Patienten, die im Jahr 2021 beginnen soll. Wir hoffen, dass wir bald Neuigkeiten davon berichten können!

Neues von der EHDN-Plenarversammlung 2020

HDBuzz - 18. Oktober 2020 - 18:45
Vergangenen September veranstaltete das European Huntington's Disease Network (EHDN) ein virtuelles Treffen mit Präsentationen der neuesten wissenschaftlichen Forschung und Statusmeldungen aus den aktuellen klinischen Studien zur Huntington-Krankheit. Forscher, Ärzte, Patienten und Interessierte konnten sich einwählen, um sich einen Nachmittag lang in englischer Sprache zu informieren oder Fragen zu stellen und sich über die kürzlichen Enticklungen in der Huntington-Forschung auszutauschen.

Die wissenschaftlichen Vorträge

Lesley Jones von der University of Cardiff in Wales hielt den ersten Vortrag, der sich mit Huntington-Forschung aus verschiedenen Labors und Gruppen auf der ganzen Welt befasste.

Frederic Saudou von INSERM in Frankreich folgte mit einer Präsentation zu den Funktionen des Huntingtin-Eiweißes. Dieses wird durch das Huntington-Gen produziert und ist bei Huntington-Patienten mutiert. Es handelt sich um eines der größten Eiweißmoleküle in unserem Körper und es verbindet sich mit vielen anderen Proteinen in der Zelle, wodurch es nicht leicht ist, es zu erforschen. Saudou's Labor interessiert sich für die Rolle des Huntingtins beim Transport von kleinen Bläschen namens Vesikel in Nervenzellen. Es handelt sich dabei um einen kritischen Vorgang für die Funktion des Gehirns. Mit der sogenannten "Gehirn-auf-einem-Chip"-Technologie, können sie beobachten, wie sich die Vesikelbewegungen bei Huntington-Patienten verändern. Sie können auch erforschen, wie Gehirnzellen sich untereinander austauschen.

Als Nächster präsentierte Darren Monckton von der University of Glasgow in Schottland ein Update aus der Forschung seiner Arbeitsgruppe zu somatischer Expansion. Wie wir hier kürzlich berichteten, wird die somatische Verlängerung des Huntington-Gens mit der Schwere der Krankheit in Verbindung gebracht. Eine steigende Anzahl von CAG-Wiederholungen in bestimmten Zellen und Gewebetypen kann zu einem früheren Ausbruch von Symptomen führen. Wissenschaftler haben weiterhin herausgefunden, dass kleine Abweichungen in den Genen, die für die DNA-Reparatur zuständig sind, den Grad der somatischen Expansion beeinflussen können. Hierbei beruft man sich auf Studiendaten des gesamten Genoms, die zeigen, dass kleine Veränderungen in den DNA-Reparaturgenen einem früheren Ausbruch von Huntington-Symptomen hervorrufen können. Den genauen Mechanismus dahinter zu verstehen, könnte viele Möglichkeiten für die Entwicklung neuer Therapien gegen die Huntington-Krankheit bieten.

Hilal Lashuel von EPFL in der Schweiz zeigte daraufhin neue Erkenntnisse aus seinem Labor, die sich auf ein Gen namens TBK1 bei der Huntington-Krankheit beziehen. TBK1 ist in der Lage, das Huntingtin-Eiweiß mit einer speziellen Markierung zu versehen, man spricht von Phosphorylierung. Solange diese Markierung durchgeführt wird, konnte man in Huntington-Labormodellen beobachten, dass Nervenzellen höhere Überlebenschancen haben. Wohingegen die fehlende Markierung zu geringeren Chancen führt. Eine gezielte Aktivierung des TBK1-Gens könnte daher eine neue Art der Behandlung der Huntington-Krankheit darstellen.

Abschließend für die Vorträge aus der Grundlagenforschung, sprach George McAllister von der CHDI-Foundation in den USA über vielversprechende, neue orale Therapien der Huntingtin-Verminderung. Es gibt zwar noch keine klinischen Studien, allerdings beschäftigen sich gleich mehrere Unternehmen, unter ihnen Novartis und PTC, mit diesem Ansatz, der es später möglich machen soll, Medikamente gegen die Huntington-Krankheit in tablettenform einnehmen zu können. So sollen Lumbalpunktionen oder gar Injektionen direkt in das Gehirn, die aktuell die verwendeten Methoden bei klinischen Studien darstellen, vermieden werden. Dadurch wird das Einnehmen der Medizin nicht nur viel leichter, sondern es kann auch gleich der ganze Körper damit versorgt werden. So wird zusätzlich die Kontrolle der Wirksamkeit des Medikamentes - beispielsweise durch Blutentnahme - vereinfacht. Ziel ist es, den Effekt der Wirkstoffe umkehrbar zu gestalten, sodass ein Abbruch der Therapie möglich ist.
Natürlich müssen hier viele Faktoren beachtet werden: ist es angemessen, den gesamten Körper zu behandeln oder könnte dies zu unerwünschten Nebenwirkungen führen? Sowohl präklinische als auch klinische Studien müssen folgen, die hoffentlich Antworten auf diese Fragen geben können und freilich wird HDBuzz darüber berichten.

Neues aus Medikamenten- und Beobachtungsstudien

Jean-Marc Burgunder von der Universität Bern moderierte den zweiten Teil des Nachmittags, der sich mit laufenden klinischen Studien zur Huntington-Krankheit befasste.

Den ersten Vortrag in diesem Teil hielt Sarah Tabrizi vom University College London. Sie gab Einblicke in die offene Verlängerung der Tominersen-Studie, dem Huntington-Medikament, das von Roche entwickelt wird. Bei dieser offenen Verlängerung der Phase-I-Verträglichkeitsstudie, wird die Langzeitsicherheit des Medikamentes mithilfe einer kleinen Gruppe an prä-manifesten Huntington-Patienten über einen Zeitraum von 15 Monaten hinweg ausgewertet. In der Phase-I-Studie selbst wurde damals unter anderem festgestellt, dass eine Verabreichnung von Tominersen nur alle zwei Monate immernoch zu einer ausreichenden Verringerung von Huntingtin führt und dass es in diesem Rhythmus gleichzeitig zu weniger unerwünschten Nebeneffekten kommt. Daher ist die Folgestudie GENERATION HD1, die die Wirksamkeit von Tominersen zeigen soll, nun von vornherein auf eine Lumbalpunktion alle 8 Wochen ausgelegt worden. Man weiß bereits, dass das Medikament zur Huntingtin-Verminderung in der Lage ist, was in den Kliniken bisher über das Nervenwasser als Annäherung für die tatsächliche Konzentration im Gehirn, messbar ist. Die offene Frage ist, ob sich dadurch auch die Symptome der Huntington-Patienten verbessern. Die Aufnahme von Freiwilligen für die Studie GENERATION HD1 ist bereits abgeschlossen und wir alle sind den 791 Huntington-Patienten weltweit dankbar, die sich für die Teilnahme an dieser ausschlaggebenden Studie bereiterklärt haben. In der derzeitigen Covid-19-Pandemie, meldet Roche, dass hart daran gearbeitet wird, jegliche Aufschübe zu vermeiden, während gleichzeitig vermehrt auf die Sicherheit von Klinikpersonal und Huntington-Familien geachtet wird.

Als Zweite berichtete Anna Heinzmann (ICM Institut du Cerveau, Frankreich) vom letzten Stand der PRECISION-HD-Studie. Dabei handelt es sich um eine weitere Huntingtin-Verminderungsstudie, die von der Firma Wave durchgeführt wird. Wave's Ansatz ist die gezielte Absenkung der Konzentration des mutierten Huntingtin-Eiweißes im Gehirn, während die gewöhnliche (wilde) Form des Huntingtins erhalten bleibt. Es könnte sich dabei um die bevorzugte Herangehensweise handeln, allerdings kommt diese Behandlung derzeit nur für etwa 2/3 aller Huntington-Patienten in Frage, denn sie benötigt einen speziellen Code in der mRNA, den das Medikament finden kann, um dadurch gezielt die mutierte Form der mRNA anzusteuern. Wave konnte bereits die Sicherheit ihrer Methode feststellen und plant für das erste Quartal 2021 die Herausgabe von Neuigkeiten zur Wirksamkeit desselben.

Daraufhin gab es eine Präsentation zur "SHIELD HD" Beobachtungsstudie, die von der Firma Triplet Therapeutics durchgeführt wird. Hierzu erklärte Anne Rosser von der University of Cardiff, Wales, die Bedeutung der Studie für die Konzeption künftiger klinischer Studien, die sich mit der DNA-Reparatur beschäftigen sollen. Triplet konnte in Huntington-Mausmodellen zeigen, dass die Reduzierung bestimmter DNA-Reparatureiweiße, die somatische Verlängerung des mutierten Huntington-Gens unterbinden kann. Über die somatische Verlängerung möchte Triplet mit dieser Methode auch die der Huntington-Krankheit zugrundeliegende Pathologie treffen. Die derzeitige Beobachtungsstudie wird von Triplet durchgeführt, um das Design künftiger klinischer Studien zu ihren Wirkstoffen zu ermöglichen und die besten Möglichkeiten der Messung der Wirksamkeit auszuloten. Die teilnehmenden Huntington-Patienten werden zwei Jahre lang mithilfe verschiedener Methoden untersucht, so werden Daten and Proben gesammelt, deren Auswertung zur Erreichung des Ziels führen soll.

Prof. Landwehrmeyer von der Universität Ulm war danach an der Reihe und sprach über "PROOF HD", eine Studie, die das Potential des Medikamentes Pridopidin als Behandlung für die Huntington-Krankheit auswerten soll. Pridopidin kann die Dopaminsignalfunktion in Nervenzellen beeinflussen und wurde bereits in klinischen Studien an Huntington-Patienten getestet. Die bisherigen Studien brachten zwar enttäuschende Ergebnisse, aber in der neuen Studie soll durch einen Behandlungszeitpunkt im frühen Krankheitsstadium und durch einen längeren Behandlungszeitraum evaluiert werden, ob bessere Ergebnisse erzielt werden können.

Dr. Ralf Reilmann vom George-Huntington-Institut in Münster zeigte das Neueste zur Uniqure-AAV-Gentherapie, die wie die beiden vorangegangenen eine Huntingtin-Verminderungstherapie ist. Mit dem Medikament AMT-130, das Uniqure bei einer einmaligen Operation direkt ins Gehirn injiziert, wird die DNA unumkehrbar verändert und die Produktion von Huntingtin unterbunden. Die Forscher haben bereits erfolgreich gezeigt, dass die Behandlung bei Tiermodellen wie Ratten, Schweinen und Affen sicher ist und das Huntingtin-Niveau effektiv verringert. Die laufende AMT-130-01-Studie überträgt die Erfahrungen nun auf den Menschen und soll hier nun auch die Sicherheit und Wirksamkeit überprüfen. 26 Patienten werden die Behandlung erhalten und in Huntington-Kliniken weltweit genau beobachtet werden. Derzeit werden noch Teilnehmende in den USA aufgenommen.

Anne-Catherine Bachoud-Levi von INSERM in Frankreich folgte darauf mit einer Präsentation zur klinischen Studie "MIG HD". Die Studie untersuchte den Einsatz von Stammzellen zur Behandlung der Huntington-Krankheit und lief über mehr als ein Jahrzehnt. Leider konnte die Huntington-Krankheit nicht erfolgreich behandelt werden. Aber die Forscher konnten zumindest viel über die besten Verfahrensweisen zur Stammzellentransplantation lernen. Seit der Beendigung der Studie gab es große Durchbrüche was unser Verständnis von Stammzellen angeht. Bachoud-Levi und ihr team hoffen, dass neue Stammzelltherapien eventuell in der Zukunft in der Lage sind, Huntington-Patienten zu helfen.

Der letzte Vortrag des Tages kam von Hugh Rickards von der University of Birmingham, England. Er erzählte vom "Huntington's equal access to effective drugs (HEATED)"-Programm. Einem Programm also, dass einen gleichberechtigten Zugang aller zu wirkungsvollen Medikamenten in der Zukunft sicherstellen soll. Da die Anzahl der vielversprechenden Behandlungsansätze in klinischen Studien zunimmt, steigt auch die Erwartung, dass es tatsächlich zur Zulassung von Huntington-Medikamenten kommen könnte. Allerdings ist es recht wahrscheinlich, dass solche Medikamente sehr teuer sein werden, sodass sie sich nicht alle Huntington-Patienten werden leisten können. Rickards wertet die Herausforderungen bei der Verfügbarkeit und Leistbarkeit solcher Medikamente aus, um feststellen zu können, wie möglichst vielen Patienten der Zugang zu ihnen ermöglicht werden kann, sobald sie vorhanden sind.

Online Abrufen

In englischer Sprache lassen sich die Vorträge noch jederzeit auf der Seite der EHDN anschauen. Weiterhin finden sich auf englisch alle laufenden klinischen Studien auf der Website HD Trial Finder.

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